In seinem neuen Roman "Fünf, sechs, sieben, acht" befasst sich der Autor Ewald Arenz mit dem Älterwerden aus Männersicht. Oder besser, mit der Unfähigkeit der meisten Männer, das eigene Altern würdevoll zu akzeptieren. Klingt deprimierender, als es sich liest.

Sie verlassen ihre Familien, weil eine um 20 Jahre jüngere Frau verführerisch zwinkert, dackeln längst vergangenen Liebschaften hinterher und sind auf ihre eigenen Kinder eifersüchtig, weil diese im Job plötzlich erfolgreicher sind als sie selbst, kurz: Männer im Niemandsland zwischen 50 und dem Einsetzen der Senilität sind alles andere als leichte Kost.
Der schleichende Verlust des Virilen, die Absehbarkeit der noch verbleibenden Lebenszeit oder die Erkenntnis, dass nicht jeder Schritt, den man einmal gegangen ist, wirklich die allerklügste Entscheidung gewesen ist, sorgt für seelische Zipperlein, die manchmal das gesamte familiäre und auch sonstige Umfeld lahmlegen können.
Und als ob in anderen Ethnien die maskuline Kompassnadel in dieser Lebensphase so unglaublich verschieden ausschlagen würde, werden diese und ähnliche Befindlichkeiten heute gerne als das notorische Verhalten "alter weißer Männer" zusammengefasst.
Andererseits: Derartige Seelen-Blähungen können durchaus auch unterhalten – zumindest wenn sie vom deutschen Autor Ewald Arenz auf die für ihn typische Weise berichtet werden. Denn Arenz, selbst 60 und damit zumindest vom Alter her ganz nach dran an seinem Protagonisten, erzählt einfühlsam, ohne anbiedernd zu sein.
In seinem neuen Roman "Fünf, sechs, sieben, acht" beobachtet Arenz für uns Anton, 60 Jahre alt, Choreograf und Paradebeispiel für das, was für gewöhnlich als "alter weißer Mann" durch den Wolf gedreht wird. Der hat viele Dummheiten gesagt und getan in seinem Leben. Und schön langsam wird ihm das auch selbst klar. Das muss man über das neue Buch von Ewald Arenz wissen:

Worum geht es in "Fünf, sechs, sieben, acht"?
Um Anton, von Beruf Tänzer, Choreograf und Tanzlehrer und im gleichen Alter wie der Autor. Doch anders als beim Schreiben lassen die Kraft im Körper, die Geschwindigkeit und Präzision beim Tanzen allmählich nach. Nur Anton selbst möchte das nicht anerkennen. Er hat doch gerade erst im Theater seine bis dato beste Choreografie abgeliefert, oder?
Davon ist er überzeugt?
Zumindest vergewissert er sich dessen auf der Premierenfeier. Erfahrung spielt ja wohl auch eine Rolle, nicht nur das Tempo. Und während er sich zurückerinnert an seine Ausbildung, landet Anton unweigerlich bei der großen Enttäuschung seines Lebens. Johanna – Jo –, die eines Abends, ausgerechnet an seinem Geburtstag vor fast 40 Jahren, Hals über Kopf verschwunden ist. Anfangs hatte er sich noch Sorgen gemacht, war mehrmals zur Polizei gegangen, wollte sie ausforschen lassen.
Aber?
Niemand wollte Jo suchen. Schließlich war sie erwachsen. Man ging davon aus, dass sie schon wieder auftauchen würde. Doch das passierte nie. Plötzlich erinnert Anton so vieles an früher: der Duft der Lindenblüten, das Sommerabend-Licht. Seinem Bruder gesteht er: "Weißt du, vielleicht ist es so, dass ich … es ist wie ein ungelebtes Leben. Die andere Möglichkeit."
Was genau meint er damit?
Wer weiß, was noch geworden wäre, wenn Jo nicht verschwunden wäre. Eine Ehe, Kinder … Anton kann Jo einfach nicht verzeihen. Erst viel später fand er seine zweite Liebe, Katja. Sie heirateten, bekamen eine Tochter, Emma. Doch als Emma 15 war, verknallte sich Anton in eine 25-Jährige und verließ seine Familie. Mit Katja versöhnte er sich zwar, doch mit Emma wurde es von da an schwierig.
Wie geht die Geschichte weiter?
Mit einem Schlag gegen Antons Ego: Die designierte Theaterdirektorin bestimmt eine neue Choreografie-Leitung und kündigt seinen Vertrag. Seine Arbeit sei zu konventionell. Seine Nachfolgerin wird ausgerechnet Emma, jetzt Anfang 30 und ebenfalls Tänzerin.
Wie reagiert Anton?
Er ist stinkwütend. Im Zorn ruft er Katja an und schreit sie an, als sie versucht, ihn zu beruhigen. "Freust du dich nicht auch ein bisschen? Ich meine, sie macht genau das, was du immer wolltest. Tritt in deine Fußstapfen und ist erfolgreich …" Doch es gelingt Anton nicht, über seinen Schatten zu springen.

Gar kein Trost für Anton?
Sein Freund und bisheriger Intendant holt ihn zurück auf den Teppich und Anton beginnt, schwermütige Gedanken zu wälzen. Vor 500 Jahren habe jeder Meister seine Werkzeuge selbstverständlich an seinen Sohn weitergegeben. "Wann hatte es angefangen, dass sich Alter daran bemaß, ob man noch mit Neuerungen klarkam und nicht mehr an dem Zeitpunkt, da man seine kostbaren Werkzeuge an die nächste Generation weitergibt?"
Wie reagiert Emma?
Gar nicht. Sie ruft Anton ebenso wenig an wie er sie. Bei einer gemeinsamen Begegnung mit Antons 86-jähriger Mutter winden sie sich um das Thema herum. Anton fragt Emma stattdessen, wie sie nach jemandem suchen würde, den sie mehr als 20 Jahre nicht gesehen hat. Denn er möchte jetzt auf einmal Johanna wieder finden, falls sie noch lebt.
Ist die Suche erfolgreich?
Tatsächlich gelingt es Emma, mit ein paar alten Fotos einige Frauen ausfindig zu machen, die Jo sein könnten. Manche davon würde Anton gar nicht mehr wieder treffen wollen. Doch dann findet sich eine, die Jo sehr ähnlich sieht und als Lehrerin in Irland lebt – ihr gemeinsames Sehnsuchtsland der Jugend! Da will Anton hin. Und Katja überredet ihn, Emma mitzunehmen, damit Vater und Tochter sich wieder annähern können.
Klappt der Plan?
Ganz im Gegenteil. Zu Beginn der Reise bemühen sich beide noch um ein konstruktives, offenes Gespräch. In Dublin mieten sie einen Wagen, buchen ein Zimmer und fahren in den kleinen Ort, an dem sie Johanna vermuten. Doch schon am nächsten Tag zerstreiten sie sich bei einem Ausflug dermaßen, dass Emma wutentbrannt mit dem Auto den Ort verlässt.
Woran eskaliert die Situation?
Emma hält ihrem Vater den Spiegel vor: Er sei ein alter, weißer Mann, der keine Rücksicht auf die Familie genommen habe, dessen Arbeit immer Vorrang hatte und der dann auch noch ihre Mutter und sie wegen einer 25-Jährigen verlassen hat. Das kann sie ihm bis heute nicht verzeihen.
Und Anton?
Der bleibt allein zurück und muss sich eingestehen, dass Emma und er erschreckend ähnlich sind. Auch er wäre wutentbrannt abgehauen, so wie sie jetzt. Aber erst ein Telefonat mit seinem viel jüngeren Bruder Jörg öffnet ihm die Augen: Seine Angst davor, sich von den Sehnsüchten seiner Jugend, von der Sehnsucht und der Freude überhaupt verabschieden zu müssen, ist riesengroß. "Du bist sechzig, nicht neunzig – wenn du nicht den Mut hast, die Chance auf Neues zu sehen, wie soll ich das dann in 15 Jahren?"

Sucht er weiter nach Jo?
Ja, doch die erkennt ihn zunächst gar nicht, dann ist sie geschockt, Anton zu sehen. Ganz offensichtlich will sie ihn nicht in ihrem neuen Leben haben. Sie verspricht aber, ihm bei einer Wanderung am nächsten Tag, seine einzige große Frage zu beantworten, die ihn seit 35 Jahren quält: "Warum bist du gegangen?"
Bekommt er die Antwort?
Ja, und was er zu hören bekommt, haut ihn aus seinen Schuhen …
Es geht ums Altwerden …
Ewald Arenz erzählt von den großen Lebensthemen: dem Altwerden, dem Jungsein und jung bleiben wollen, von der Loslösung zwischen Eltern und Kindern. Was Anton denkt, können viele Leserinnen und Leser sicher aus ihrer eigenen Elternrolle nachfühlen: "Aber mit den Jahren entstand, unmerklich erst, eine Distanz, allmählich entfernten sie sich von einem, wandten sich anderen Menschen zu, man spürte ihre Liebe immer weniger, während man selber nie aufhörte, nie aufhören durfte, sie zu lieben."
… und um Lebensentwürfe?
Das mögliche "andere Leben", das man nicht gelebt hat, spielt in der Fantasie der Hauptfigur eine große Rolle. Lebensträume und Sehnsuchtsorte, die nie Wirklichkeit geworden sind. Es realisieren sich aber auch Träume, nur nehmen wir das im Strudel des Alltags und des Ehrgeizes oft gar nicht wahr. Und es geht darum, um Verzeihung bitten und allmählich zurücktreten zu können.
Wer ist Ewald Arenz?
Der Autor wurde 1965 in Nürnberg in eine Künstlerfamilie geboren. Er studierte englische und amerikanische Literatur sowie Geschichte und arbeitet als Lehrer für Englisch und Geschichte an einem Gymnasium. Der Vater von drei Kindern lebt in der Nähe von Fürth. Vieles, was er anpackt, funktioniert ausgezeichnet – Romane, Theaterstücke oder Musicals.
Was macht Arenz sonst noch?
Er moderiert die Sendung "Das Feiertagsfeuilleton" auf Bayern 2 und leitete von 2009 bis 2012 die "Semesterwerkstatt Schreiben" am Stadttheater Fürth. Von 2007 bis 2010 schrieb er wöchentlich für die Nürnberger Nachrichten die literarische Kolumne "Meine kleine Welt". Seit 2024 schreibt er für die Wochenzeitung Die Zeit die Kolumne "Wie war's in der Schule".

Wie sieht es mit Auszeichnungen aus?
Seine Romane und Theaterstücke wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Mit "Alte Sorten" (2019) stand er auf der Liste "Lieblingsbuch der Unabhängigen" (Buchhändler) und auf den Spiegel-Bestsellerlisten. "Der große Sommer" (2021) war im Erscheinungsjahr das "Lieblingsbuch der Unabhängigen". Alle seine Romane standen wochenlang auf den SPIEGEL-Bestsellerlisten. 2025 erhielt Arenz den Wolfram-von-Eschenbach-Preis für sein schriftstellerisches Schaffen. Auch Musicals, bei denen er mit dem Jazzpianisten und Komponisten Thilo Wolf zusammenarbeitete, wurden vielfach prämiert.
Ist "Fünf, sechs, sieben, acht" lesenswert?
Ja, ausgesprochen. Arenz besticht durch eine klare Sprache, die dennoch sehr poetische, malerische Bilder erzeugt. Besonders schön sind alle Passagen, in denen Anton Geräusche der Natur, der Umgebung aufnimmt und daraus Rhythmen und Tanzschritte macht, mal in seinem Kopf, mal auf der Straße oder im Wald. Sehr lebendig und glaubhaft schildert der Autor auch die inneren Kämpfe und den Zwiespalt, der oft in uns herrscht. Dabei bleibt die Lektüre immer leicht und – ja, beinahe tänzerisch!
"Fünf, sechs, sieben, acht" von Ewald Arenz, Roman, 240 Seiten, 2026, DuMont, € 26,50
Angela Szivatz ist Autorin, Moderatorin und Bloggerin ("Oma aus dem Kirschbaum"). Für NewsFlix schreibt sie über aktuelle Literatur. Sie lebt in Wien. Im Vorjahr ist ihr erster Krimi "Tödliches Gspusi" erschienen und befindet sich bereits in der 4. Auflage.