Was mit drei WhatsApp begann, endete in einer Forderung über drei Millionen Euro. So kam es wirklich zum Rücktritt von ORF-Generaldirektor Roland Weißmann. Welches Problem seine Nachfolgerin nun lösen muss. Und welche Rolle eine Zahnbürste spielte.

Im Leben ist vieles eine Frage des Blickwinkels, vor allem im Wartezimmer eines Optikers. Es ergab sich dieser Tage, dass meine Kontaktlinsen ein 1.000-Kilometer-Service nötig hatten. Also kam ich der Bestimmung eines Wartezimmers nach und wartete im Wartezimmer eines Optikers, bis ein Termin für meine Augen zurechtgezimmert war.
Als ich so im Wartezimmer wartete, betrat eine junge Frau die Räumlichkeiten, ziemlich groß, ziemlich Mitte 20, ziemlich recht modisch gekleidet. Über das obligate Begrüßen der Anwesenden sah sie großzügig hinweg. Die modische junge Frau setzte sich mir gegenüber, nestelte in ihrer Tasche herum und fingerte schließlich eine beige Box heraus.
Die Schachtel war nicht von der Art, wie man sie in klassischen Fast-Food-Lokalen bekommt, also kein Burger mit drei Stock hoch Fleisch, das in einem Mayonnaise-Bad schwimmt wie ein Kurgast in der Therme Oberlaa. Das Gebotene zählte sich offenkundig zur Klientel der gehobenen Schnell-Gastronomie, die sehr gern Namen trägt, die nach Hawaii-Aloha klingen.
Mitten im Wartezimmer begann die junge Frau also zu essen, sie tunkte irgendetwas in irgendetwas. Es war nicht zu erkennen, um welche Art Nahrungsergänzungsmittel es sich handelte. Am ehesten sah es so aus, als würde sie versuchen, mit daumendicken, gebratenen Sticks eine Art Humus aus der Box zu bekommen. Das gelang einmal weniger gut, einmal schlechter.


Das Irgendetwas entwickelte keinen nennenswerten Geruch, gehobenem Fast Food wird nicht einmal das zugestanden. Trotzdem wirkte der Vorgang seltsam. Ich habe Menschen schon in allen möglichen Situationen essen gesehen, aber noch nie in einem Wartezimmer. Das Jahr ist noch keine drei Monate alt, steckt aber schon voller Überraschungen.
Die Wiener Linien versuchen gerade, ihren Fahrgästen etwas Benehmen beizubringen. Also keine Leberkäsesemmeln in der U-Bahn zu essen und mit Rucksäcken keine Menschen zu erschlagen. Das dürfte ganz gut funktionieren, denn seit die Kampagne läuft, wurden keine Verletzten durch Rucksäcke in Spitäler eingeliefert. Was davor war, weiß ich nicht.
Es wäre schön, wenn die Kampagne in der zweiten Welle auf andere Orte des menschlichen Zusammentreffens ausgeweitet werden könnte. Nicht nur Wartezimmer haben Gefühle.
Es ist ja kein Naturgesetz, dass Männer an jeden Laternenpfahl pinkeln müssen, um ein Revier zu markieren. Ebenso wenig steht irgendwo geschrieben, dass Menschen auf der Straße ihre Münder beim Gähnen ungeschützt aufreißen müssen wie Nilpferde. Und das so weit, dass man im Vorbeigehen feststellen kann, ob beim Fünfer rechts unten eine neue Plombe empfehlenswert wäre.
Mich bringen solche Verhaltensweisen immer zum Nachdenken. Das Problem ist, dass nie etwas dabei herauskommt.


Auch die Ereignisse der vergangenen Tage können zum Nachdenken anregen. Etwa, wie es sein kann, dass es in einem Unternehmen einen Betriebsrat gibt und eine Abteilung Human Resources, eine Whistleblower-Hotline und eine Compliance-Abteilung und eine Gleichstellungsbeauftragte und eine Gleichstellungskommission, mutmaßliche Opfer sich dann aber doch lieber Hilfe von außerhalb suchen?
Die Antwort ist recht simpel. Betroffene machen das, wenn sie kein Vertrauen in die Institutionen des Unternehmens haben. Sie hören und lesen und sehen und erleben mit, was mit Frauen passiert, die nicht ins männerdominierte Biotop passen. Was sich auch von außen bilanzieren lässt: Einen Karriereschub hat das selten ausgelöst. Das ist nicht nur im ORF so, aber auch.
Es soll niemand sagen, dass es keine Vorzeichen gegeben hätte. Sie wurden planiert, finanziell verglichen, Betroffene wurden kaltgestellt oder mundtot gemacht. Untersuchungs-Berichte von Task-Forces aller Art wurden in Tresoren weggesperrt und der Schlüssel weggeworfen. Das Problem ging, die Struktur blieb. Nicht nur im ORF, aber auch.
Nun ist der Sachverhalt an der Spitze angelangt. Das kann eine Chance sein, muss es aber nicht. Eine Chance ist von ihrem Wesenszug her keine Garantie. Es kann gut sein, dass eine Zeit lang Berge kreißen, aber Mäuslein geboren werden. Was in Präsentationen wie Löwenmut daherkommt, könnte sich in Wahrheit als Papiertiger entpuppen.
Ich versuche im Folgenden nachzuzeichnen, was eigentlich geschehen ist. Das Geschriebene basiert auf einer Vielzahl von Gesprächen. Es handelt sich um eine Skizze, die eigentlich auf mehrere Blätter gezeichnet werden müsste. Denn viele Sachverhalte können miteinander zu tun haben, müssen es aber nicht.
Es gilt, den Kern der Ereignisse im Blick zu behalten. Einer Frau ist sexuelle Belästigung widerfahren. Alles andere ist Begleitgeräusch. Eine Millionenpension, verletzte Eitelkeiten, Rache, Intrigen, eine bevorstehende Direktorenwahl – alles möglicherweise interessanter Stoff, inhaltlich aber dramaturgische Nebenhandlung.

Auch ob diese sexuelle Belästigung unmittelbar, vor vier Jahren oder im Jahr Schnee stattgefunden hat, ist für die Beurteilung nachrangig. Es kann gute Gründe geben, warum sie erst jetzt bekannt gemacht wurde, wir wissen es nicht.
Ich verzichte auf die Wiedergabe von Sachverhalten, die erhellend sein können, aber in den höchstpersönlichen Lebensbereich fallen. Obwohl der Generalintendant außer Dienst in einer Aussendung am Freitag selbst darüber klagte, dass Privates öffentlich gemacht werde, um dann mehrere Absätze lang Privates öffentlich zu machen. If you find yourself in a hole, stop digging!
Ich kenne Roland Weißmann kaum, unsere bisherigen Begegnungen beschränkten sich auf sehr schmalen Smalltalk und Händeschütteln. Wenn ich gefragt werde, was mir spontan zu ihm einfällt, dann muss ich wahrheitsgemäß antworten: die langen Ärmel.
Weißmann trägt häufig Sakkos, bei denen die Ärmel tief in den Handrücken hineinragen, ich weiß nicht warum. Angst vor einem spontanen Kälteeinbruch? Nebenjob als Magier mit Kartentrick? Ein Modetrend, der sich mir noch nicht erschlossen hat?
Ich hatte mir vorgenommen, ihn beizeiten danach zu fragen. Aber angesichts der Umstände scheint der Schnitt der Sakkos noch mehr eine Beiläufigkeit zu sein, wie er schon vorher eine Beiläufigkeit war.

Es ist Montag, der 2. März. Noch ahnt niemand, dass sich eine Woche später die Ereignisse überschlagen sollten, weil sich der Generaldirektor des ORF selbst aus dem Amt jagt, ehe er von anderen aus dem Amt gejagt werden konnte.
Zu Mittag erreicht eine WhatsApp zeitgleich die Handys von drei Personen in Wien. Keiner der drei kann sich zunächst einen Reim darauf machen. Nicht Gabriele Zgubic-Engleder, Vorsitzende des Publikumsrates im ORF. Nicht Heinz Lederer, Stiftungsrat-Vorsitzender des ORF. Auch nicht Gregor Schütze, sein Stellvertreter.
Die WhatsApp stammt von einem Rechtsanwalt aus der Innenstadt. Er ersuche dringlich um einen Termin betreffend Generaldirektor Roland Weißmann, schreibt er. Und um diese Dringlichkeit zu unterstreichen, ruft er alle drei Betroffenen zwei Stunden später an und lädt sie für den Mittwoch zu einem Gespräch in seine Kanzlei ein.
Noch immer wissen die drei ORF-Vertreter nicht, was auf sie zukommt. 52 Stunden später wird ihnen die Tragweite der Vorgänge dramatisch bewusst. Am Mittwoch sitzen sie ab 18 Uhr in der Kanzlei des Anwalts, der seinen Namen nicht in den Medien lesen will, und erhalten einen neuen Blickwinkel auf den ORF-Generaldirektor, von dem sie bisher glaubten, ihn einigermaßen zu kennen.
Der Anwalt vertritt ein mutmaßliches Opfer von Weißmann. Er legt Gabriele Zgubic-Engleder, Heinz Lederer und Gregor Schütze Belastungsmaterial auf den Tisch. Ausdrucke von Handy-Nachrichten, anzügliche Fotos, dazu spielt er ein mitgeschnittenes Telefongespräch ab.



Langsam beginnt sich ein Bild zu formen. Weißmann, das ist unbestritten, hat als Generaldirektor mit einer ORF-Mitarbeiterin etwas begonnen, was er selbst als "emotionale Affäre" bezeichnet, was immer darunter zu verstehen sein mag. Dazu gehörten laut Eigenangabe "gemeinsames Essen", "Laufausflüge", "Besuche zu Hause", "intime und höchstpersönliche Nachrichten".
Aber auch ein "einvernehmlicher physischer Kontakt" fand statt, wie Weißmann später zugeben wird, ohne das näher zu erläutern. Der Zeitraum der Vorgänge umfasst eineinhalb Jahre, das Ende wird mit 2023 angegeben.
Das mutmaßliche Opfer hat die "emotionale Affäre" gänzlich anders in Erinnerung. Ein paar Tage später, als die Öffentlichkeit schon längst über die Vorgänge staunt, lässt die Frau dem ORF-Stiftungsrat einen Brief zukommen. In dem Schreiben schildert sie ihre Belastungen durch die Nachstellungen des Managers, aber auch ihre Angst, und das offenbar ziemlich eindrücklich.
Aber so weit sind wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Der Termin beim Anwalt in der Wiener Innenstadt am Mittwoch, den 4. März, dauert ungefähr eine Stunde. Das Gespräch verläuft lebhaft.
Es endet damit, dass der Anwalt in Vertretung des mutmaßlichen Opfers vier Forderungen auf den Tisch legt: Rücktritt des Generaldirektors, eine Spende über 25.000 Euro an ein Caritas-Frauenhaus, die Begleichung der Anwaltsrechnung und gegenseitiges Stillschweigen. Bis spätestens Freitag, den 13. März, muss Weißmann Vollzug melden.
Und noch etwas verlangt der Anwalt. Er räumt eine Frist von 48 Stunden ein, um sich zu diesem Pfad zu bekennen. Bei Verstreichen sehe er sich gezwungen, die zuständigen Stellen im ORF von den Vorgängen zu informieren.

Danach sammelt er die Belege ein, Zgubic-Engleder, Lederer und Schütze verlassen die Kanzlei ohne Nachweis der Vorkommnisse in Händen. Als sie aus dem Jugendstilhaus treten, weht ihnen laue Abendluft entgegen. Über ihren Köpfen schwebt ein großes Fragezeichen: Was jetzt tun?
Es passiert das vielleicht Naheliegendste. Sie rufen den Beschuldigten an. Wenig später taucht Roland Weißmann auf. Es ist 19.30 Uhr, als sich die vier zu einer Besprechung zusammensetzen. Noch sind neun Tage Zeit, eine Klärung herbeizuführen. Noch ist die Zahl der eingeweihten Personen überschaubar gering.
Man kommt überein, dass Weißmann zunächst auf eigene Faust nach einer Lösung suchen soll. Es bleibt diffus, was genau sein Auftrag ist. Lediglich die Echtheit der vorgelegten Belege zu überprüfen? Einen Deal mit dem Anwalt des mutmaßlichen Opfers zu finden?
Die Uhr tickt. Was allen Beteiligten klar ist: Unmöglich, dass Weißmann am Montag in seinem ORF-Büro am Küniglberg auftauchten kann, als wäre nichts geschehen.
Vor den Kulissen geht alles weiter seinen Weg. Am Donnerstag lädt der ORF zur Präsentation von "Kommissar Rex" ein. Am 25. März wird im Urania Kino die neue Staffel vorgestellt, auch Generaldirektor Roland Weißmann werde bei der Präsentation anwesend sein, heißt es auf den Einladungskarten. Das scheint aus heutiger Sicht unwahrscheinlich.
Am Freitag kommt neue Dynamik in die Angelegenheit. Der Anwalt des mutmaßlichen Opfers verkürzt in einem Schreiben die Frist für den Weißmann-Rücktritt auf den darauffolgenden Montag. Aus Freitag, den 13., wird Montag, der 9. März.

Nun bricht Panik aus. Freitagabend findet eine Telefonkonferenz statt, diesmal in größerer Runde, auch Roland Weißmann ist zugeschaltet. Inzwischen sind weitere Anwälte mit dem Fall befasst. Es werden verschiedene Varianten besprochen, aber irgendwann im Laufe des Abends kippt die Stimmung.
Weißmann scheint zu erkennen, dass er auf verlorenem Posten steht. "Okay", sagt er, "ich bin bereit zu gehen, aber das Paket muss stimmen". Dann legt er seine Vorstellungen auf den Tisch. Später wird er sagen, dass er zum Rücktritt "gedrängt" worden sei.
Sein Vertrag als Generalintendant läuft noch bis Ende 2026. Er müsse voll ausbezahlt werden, fordert Weißmann. Er besitzt aber auch einen Vertrag aus der Zeit, als er noch nicht Generaldirektor war, sondern Journalist im Landesstudio Niederösterreich, Chef vom Dienst bei Ö3, Chefproducer in Wien, Vize-Finanzchef am Küniglberg oder Geschäftsführer von ORF ON.
Auf der Webseite des ORF lässt sich die Biografie übrigens nicht mehr nachlesen, die Seite über den nunmehrigen Generaldirektor außer Dienst wurde schon außer Dienst gestellt.
Weißmann hat ein Rückkehrrecht in seinen alten Vertrag, aber er plant den Komplettausstieg. Er wird am 16. März 58 Jahre alt, ist gut 30 Jahre im Haus. Dem Aufstieg in lichte Höhen folgt nun ein tiefer Fall, zumindest die Landung soll weich sein. Weißmann will auch seinen Angestelltenvertrag abgegolten haben. Die Kosten seines Abganges beziffert er mit gesamt 3 Millionen Euro.
"Er hat hoch gepokert, zu hoch gepokert", sagt später ein Beteiligter, "er wollte einen goldenen Handshake, aber seine Forderungen waren abstrus."

Debattiert wird über das Geld nicht. Weißmann reduziert die Summe an diesem Freitagabend aus freien Stücken laufend immer weiter. Aber die Stiftungsräte wissen, dass ihnen die Hände gebunden sind. Sie können keine Finanzzusagen machen, das darf nur der Stiftungsrat in seiner Gesamtheit.
Später soll der Arbeitsrechts-Experte Roland Gerlach, den der ORF beigezogen hat, den Umstand so umschreiben. "Wir hätten Weißmann nicht einmal den Fahrschein für die Straßenbahn nach Hause geben können."
Am Samstag folgt die nächste Telefonkonferenz, die Sachlage wird immer diffuser. Der Anwalt von Weißmann gibt zu verstehen, dass er mit dem Anwalt des mutmaßlichen Opfers eine Einigung gefunden habe. Der Anwalt des mutmaßlichen Opfers sagt nein, so etwas gäbe es nicht.
Die Spitzenpolitik ist über die Vorgänge inzwischen halbwegs im Bilde. Bis Samstagnachmittag weiß der gesamte innere Kreis der Regierung, was im ORF vor sich geht. Der Großteil der Stiftungsräte tappt weiter im Dunklen.
Das ist von Relevanz, denn als am Montag die Bombe platzt, hat die Politik zumindest einen gewissen Informations-Vorsprung, was die Art der Detonation betrifft. Einem Stiftungsrat hingegen bleibt das Zahnbürstl im Mund stecken und das buchstäblich.
Am Sonntag ist Weltfrauentag. Frauenministerin Eva-Maria Holzleitner sitzt gerade in der ORF-Pressestunde, als im Postfach der Stiftungsratschefs Heinz Lederer und Gregor Schütze um 11.45 Uhr eine E-Mail eintrudelt. Darin erklärt Weißmann seinen sofortigen Rückzug aus dem Amt. Die Botschaft kommt aus dem Nichts. Ohne Vorwarnung, ohne ein davor geführtes Gespräch. Sie trifft die Beteiligten wie ein kalter Guss.

Noch am selben Tag um 18 Uhr erhält Ingrid Thurnher einen Anruf, der ihr Leben verändern sollte, kurzfristig, vielleicht aber auch auf längere Sicht. Die aktuelle Radiodirektorin wird heuer 64, sie wäre mit dem Auslaufen der Funktionsperiode Ende des Jahres mutmaßlich in Pension gegangen.
Nun ist sie Generaldirektorin und ihre Chancen sind intakt, dies über den Jahreswechsel hinaus die nächsten fünf Jahre zu bleiben.
Am vergangenen Sonntag aber unterbreitet ihr Heinz Lederer zunächst einmal das Angebot, interimistisch den Posten einer Generaldirektorin zu übernehmen, genauer gesagt bittet er sie darum. Thurnher sagt spontan zu. Wenig später findet in ihrem Büro die nächste Krisensitzung statt. Der Themen-Schwerpunkt hat sich aber verlagert.
Nun geht es nicht mehr darum, ob Weißmann zurücktreten soll, sondern auf welche Weise. Wer wird wann davon unterrichtet und wie schaut die Kommunikation aus? In Thurnhers Büro herrscht ein gewisses Gewusel. Die Runde ist angewachsen, nunmehr sind alle Direktorinnen und Direktoren eingebunden, zudem der Kommunikationschef des ORF und eine Schar Anwälte.
Roland Weißmann ist nicht am Küniglberg, aber immer wieder zugeschaltet. Für ihn wird es ein ungemütlicher Abend.
Es entspinnt sich eine lange Debatte darüber, was als Grund für den Rücktritt genannt werden soll. Strafrechtlich handelt sich bei den Taten von Weißmann um keine sexuelle Belästigung, nach dem Gleichbehandlungsgesetz aber sehr wohl.
Paragraf 6 legt fest: "Sexuelle Belästigung liegt vor, wenn ein der sexuellen Sphäre zugehöriges Verhalten gesetzt wird, das die Würde einer Person beeinträchtigt oder dies bezweckt, für die betroffene Person unerwünscht, unangebracht oder anstößig ist."

Weißmann wehrt sich mit Händen und Füßen, dass der Begriff "sexuelle Belästigung" in den Text für die Medienaussendung aufgenommen wird. Er wirkt aufgewühlt, auch zunehmend wütend. Arbeitsrechtler Roland Gerlach besteht auf die Formulierung. Sie hat Auswirkungen auf die Ansprüche, die ein Dienstnehmer stellen kann.
Die Sitzung dauert bis 2 Uhr früh. Es wird eine Einigung gefunden, aber Weißmann ist nicht an Bord.
Kurz danach passiert Seltsames. Zwischen 3 Uhr und 5 Uhr früh landet in den Mail-Postfächern einiger ausgewählter Journalisten ein Schreiben von Roland Weißmann. Es ist seine Version des Rücktrittschreibens und enthält eine Sperrfrist. Sie darf erst kommuniziert werden, wenn das offizielle Schreiben veröffentlicht wird.
Der Vorgang gestaltet den Montagmorgen einiger Stiftungsräte neu. Sie erhalten Anrufe von Journalisten, die sich erkundigen, was im ORF so vor sich geht. Die meisten Stiftungsräte wissen zu diesem Zeitpunkt aber noch gar nicht, dass Weißmann unmittelbar vor dem Rückzug steht.
Peter Westenthaler steht in seinem Badezimmer, als ihn um 7.10 Uhr ein Anruf einer Reporterin ereilt. Sie will wissen, ob er vom Rücktritt Weißmanns wüsste und was er dazu zu sagen hätte. Er sei gerade beim Zähneputzen gewesen, sagt der FPÖ-Stiftungsrat später. Sein Glück, dass er das Zahnbürstl nicht verschluckt hat.

Jetzt ist Remmidemmi. Stiftungsräte rufen andere Stiftungsräte an, ob sie etwas wissen oder gewusst haben. Die meisten Stiftungsräte sagen, dass sie nichts wissen und nichts gewusst haben. Mitten in die Unwissenheit hinein erhalten sie vorab die ORF-Aussendung über den sofortigen Rückzug von Roland Weißmann. Um 8.56 Uhr wird der Text öffentlich gemacht.
Es folgen Tage des Hauens und Stechens. Die Vorsitzenden des Stiftungsrates treten mehrfach mit ihrer Version der Vorgänge in der Öffentlichkeit auf, der Anwalt von Weißmann kontert aufgebracht. Er kündigt rechtliche Schritte an, weil die "unangemessene und überschießende" Vorgangsweise die Persönlichkeitsrechte seines Mandanten "massiv verletzt" hätte.
Die Journalisten des ORF haben es in diesen Tagen nicht weit, um an den Ort des aktuell brisantesten Ereignisses zu gelangen. Selbst bei Regenwetter wären sie trockenen Fußes im eigenen Haus angekommen.
Am Donnerstag trifft sich schließlich der Stiftungsrat zur Sitzung in eigener Sache. Sogar das sonst um Contenance bemühte Ö1 spricht von einem "High Noon".
In dem UFO-ähnlichen Saal am Küniglberg wird der Brief vorgelesen, den das mutmaßliche Opfer an die Stiftungsräte geschrieben hat. Er liefert auch einen Einblick in die Motivlage. Die Vorstellung, dass Weißmann erneut fünf Jahre im Amt verbleibe, habe ihr Angst gemacht, schreibt sie sinngemäß. Angst vor Nachstellungen, Angst vor verhinderten Karrierechancen.
Es ist der Moment, in dem auch FPÖ-Stiftungsrat Peter Westenthaler klar wird, dass Weißmann nicht zu halten ist. Er hätte ihn gern in die Runde eingeladen, um seine Sichtweise zu hören. Dem Vorschlag will das Gremium nicht nähertreten.

Aber eine zweite Ebene tut sich auf. Westenthaler versucht erneut, die Details der Zusatzpension von Pius Strobl in Erfahrung zu bringen. Er ist schon mehrfach daran gescheitert, nun erscheint die Gelegenheit günstig.
Strobl ist eine bunte Figur. Früherer Gendarm, Mitbegründer der Grünen, selbst lange im ORF-Stiftungsrat oder seinem Vorgänger Kuratorium zugange, oft Königsmacher für Generalintendanten. 2010 war Strobl Unternehmenssprecher und stolperte über eine Abhöraffäre. Er hatte eine Mitarbeiterin beauftragt, im Umfeld einer Stiftungsratssitzung illegal Gespräche mitzuschneiden.
Strobl ist längst wieder im ORF zurück und managt mehrere Abteilungen. Den Umbau des ORF-Zentrums schaffte er mit einer Unterschreitung des Budgets, ein seltener Vorgang in Österreich. Mit 451.710 Euro brutto verdiente der bald 70-Jährige 2024 mehr als der Generaldirektor, im Vorjahr stand er sogar an der Spitze der Gehaltspyramide im ORF.
Beim Weißmann-Rücktritt spielt Strobl eine undurchsichtige Rolle. Ihm wird ein Naheverhältnis zum mutmaßlichen Opfer unterstellt, im Interview mit dem Standard umschifft er das Thema. Man habe denselben Anwalt, aber "seine Motivation habe die Frau nicht gebraucht", um die Vorwürfe gegen den Generalintendanten zu erheben.
An diesem Donnerstag ist Strobl lange Thema im Stiftungsrat. Eva Schindlauer, Kaufmännische Direktorin des ORF, gibt preis, von welcher Höhe Zusatzpension eigentlich die Rede ist: 2,4 Millionen Euro. Zu begleichen als Einmalzahlung. Der ORF hat im Budget dafür sogar schon eine Rücklage gebildet.
Vielen klappt die Kinnlade runter, auch Ingrid Thurnher, die inzwischen als interimistische Generaldirektorin zu den Stiftungsräten gestoßen ist. Sie erhält den ersten Auftrag: eine Suspendierung von Strobl zu prüfen.

Das Pensionszuckerl ist eine Folge der Abhöraffäre, so seltsam das auch klingen mag. Um Strobl möglichst geräuschlos aus dem ORF zu bringen, schloss der damalige Generalintendant Alexander Wrabetz 2010 einen "Letter of Intent" ab, der seinem damaligen Unternehmenssprecher eine üppige Zusatzpension in Aussicht stellte. Sie würde ab 1. Jänner 2027 schlagend werden.
Wrabetz hat nach meinem Kenntnisstand die Pensionszusage nicht "scharf gestellt". Auch nicht am 31. Dezember 2021, seinem letzten Tag im Amt als Generaldirektor, wie vielfach kolportiert wird. Er hat vielmehr den heißen Erdapfel an seinen Nachfolger weitergereicht.
Weißmann begann Vergleichsgespräche mit Strobl, zwischendurch war man sich bei einem Betrag von rund einer halben Million fast einig. Aber ein Deal kam nie zustande, nun droht Strobl, aktuell wegen Burn-outs im Krankenstand, mit Klage, sollte seine Zusatzpension nicht ausbezahlt werden.
Er hat einen zusätzlichen Grant auf den ORF. Strobl hatte 2015 für den ORF den Eurovision Song Contest gemanagt. Im Vorfeld der nunmehrigen Neuauflage hatte er sich erhofft, seine diesbezügliche Erfahrung einbringen zu können. Der ORF aber habe ihm nicht allein die kalte Schulter gezeigt, berichten Personen aus seinem Umfeld.
Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des aktuellen ESC-Teams soll sogar ein Sprechverbot erteilt worden sein. Sie mussten sich geheim mit Strobl treffen, wenn sie Details zur damaligen Organisation erfahren wollten. Objektiv überprüfbar sind die Vorwürfe nicht. Aber allein, dass sie in die Welt gesetzt wurden, rundet ein Sittengemälde ab.
Der ORF wird zügig schauen müssen, dass er wieder andere Bilder in die Welt hinausschickt und sei es auch nur in die kleine Welt Österreich.

Ich wünsche einen wunderbaren Sonntag, der eine Woche beschließt, die schon wunderbar begonnen hatte. Am Montag lieferten sich ÖVP und SPÖ einen putzigen Wettlauf darüber, wer Österreichs Robin Hood im Tankstellenwood Forest sein darf.
Weil der SPÖ-Vizekanzler um 18 Uhr etwas zum Spritpreis sagen wollte und die ÖVP erfuhr, dass der Vizekanzler um 18 Uhr etwas zum Spritpreis sagen wollte, stellte sich der Kanzler 50 Minuten davor hin und sagte etwas zum Spritpreis.
Die Vorschläge wirkten da wie dort unausgegoren. Aber sie vermittelten dem Publikum daheim, dass sich der Kanzler und der Vizekanzler nun um den Spritpreis bemühen, denn schließlich hatten beiden gemeinsam getrennt etwas dazu gesagt.
In Zeiten wie diesen kann es beruhigend wirken, wenn gelegentlich der Geist der guten alten Großen Koalition aus der Flasche gelassen wird. Die Menschen haben dann das Gefühl, dass jetzt nicht alles gut ist – es aber früher auch nicht viel besser war.
Bis in einer kleinen Weile!