Der ORF sprach seinen Ex-Chef diese Woche wegen sexueller Belästigung gleichzeitig frei und schuldig. Das kann viel Geld kosten, im schlimmsten Fall sehr viel Geld. Weißmanns Vertrag, seine geheime Abfertigungs-Regelung und wo der Rubel sonst noch so rollt.

Es gibt Bilder, die gehen einem eine Zeit lang nicht so leicht aus dem Kopf. Gerda Rogers unter einer Schneckenschleim-Maske, das ist so etwas. Oder wie sie mit "Steinbock" Alexander Van der Bellen an der Hand Richtung Sonnenuntergang schreitet und ihm dabei die Sterne liest und nicht die Leviten.
Die Astrologin bekam vom ORF am Freitag eine eigene Sendung spendiert, genau genommen ein "Ö3 Wecker Freaky Friday Special". Gefeiert wurden "35 Jahre Gerda Rogers auf Ö3". Das Thema bot sich mutmaßlich eher an als "31 Jahre Roland Weißmann im ORF", obwohl das sicher auch ziemlich "freaky" geworden wäre. Selbst ohne Schneckenschleim.
Man erfuhr in dieser Radiostunde einiges über die Jubilarin. Dass sie in Rom, Teheran und Bangkok gelebt hat, insgesamt 25 Jahre mit zwei Männern verheiratet war, wenn auch nacheinander. Von beiden ist Rogers inzwischen geschieden, wie es die Sterne vollkommen richtig vorhergesagt hatten, leider allerdings erst danach.
Rogers isst nur einmal am Tag, nutzt täglich ein Laufband und lässt ihre Haut mit Schneckenschleim-Masken verjüngen oder weniger schnell altern. Mutmaßlich hilft bei diesem Prozess auch etwas ärztliches Kunsthandwerk nach. Altwerden ist schließlich nichts für Feiglinge, alt sein schon gar nicht.

Der Effekt von Schneckenschleim-Anwendungen ist wissenschaftlich nicht eindeutig belegt, das macht aber nichts, denn der Glaube versetzt bekanntlich Zwerge.
Der Bundespräsident legt seine zweite Amtszeit eher reduziert an. Abseits gelegentlicher Angelobungen oder Auftritten wie vor Ostern auf seinem TikTok-Kanal, um Eier zu pecken, äußert sich Van der Bellen nur sparsam zu nationalen und internationalen Ereignissen. Aber wenn es darauf ankommt, dann ist auf ihn Verlass und so war es auch diesmal.
"Einer wollte auch noch unbedingt mitmachen", rief der Moderator gegen Ende des "Ö3 Wecker Freaky Friday Special" ins Mikro und kündigte damit eine Überraschung an: eine Videobotschaft des Bundespräsidenten. Die am häufigsten gestellte Frage in Österreich blieb auch diesmal unbeantwortet: "Warum?"
Vielleicht wollte der gebürtige Steinbock der noch jungen Wissenschaft Astrologie zu etwas Bekanntheit verhelfen. Van der Bellen ist sich jedenfalls der Komplexität des Jobs von Gerda Rogers vollumfänglich bewusst. "Prognosen sind eine schwierige Sache, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen", sagte er.
Es lässt sich einwenden: In Österreich sind Prognosen für die Zukunft mitnichten eine "schwierige Sache". Wir sehen eher bei der Gegenwart Sterne.
Aber Van der Bellen ist voll der Hoffnung. "Denn wissen Sie, so eine Vorhersage, auf die man sich wirklich verlassen kann, das ist schon was wert", beurkundete der Präsident auf Ö3. Vielleicht war das spitzbübisch gemeint, auch im Alter von 82 Jahren kann einem der Schalk im Nacken sitzen. Selbst wenn der schon etwas faltiger ist, weil man beim Schneckenschleim gespart hat.

Jedenfalls blieb unklar, welche Verlässlichkeit Van der Bellen in den Vorhersagen von Gerda Rogers erkannt hatte. Mir ist etwa nicht erinnerlich, dass Rogers der Straße von Hormus richtig aus der Hand gelesen hätte.
Aber die Astrologie ist ja auch keine exakte Wissenschaft, sie ist weder Wissenschaft noch exakt, sondern eher eine Art Heilsversprechen. Oder Unheilsversprechen. Das verbindet sie mit der Politik, wie manches andere auch. Die Kunst besteht bei beiden darin, mit vielen Worten wenig zu sagen, immer vage zu bleiben. Nicht nur als Waage, sondern auch als Steinbock.
Die Unwägbarkeiten sollten mit großer Überzeugung vorgetragen werden. Astrologen ahnen nicht, sie legen gemeinsam mit den Sternen die Zukunft fest. Deshalb hielt sich Rogers im Dezember im Kurier auch nicht weiter mit Vermutungen auf, was das neue Jahr so bringen wird. "Gerda Rogers weiß, wie 2026 wird", lautete der Titel selbstbewusst. Der Mensch denkt, Rogers lenkt.
Das stimmt zuversichtlich, auch wenn es aktuell nicht rosig aussieht. Denn Rogers legte sich fest: Erst „im Sommer kommt dann Jupiter in den Löwen," sagte sie, verriet aber leider nicht, wie sich das räumlich ausgehen könnte.
Wenn aber der Jupiter einmal im Löwen ist, versprach die Jubilarin, "dann wird’s ein bissl lustiger, da haben wir das Ärgste geschafft und schon wieder Boden unter den Füßen." Auch die Steinböcke. "Man merkt ja selbst, wenn man die Saturnphase hinter sich gebracht hat, ist man ein anderer Mensch", so Rogers.
Ob auch der Bundespräsident bald die Saturnphase hinter sich hat und bei ihm ebenfalls "im Sommer Jupiter in den Löwen kommt", blieb am "Freaky Friday" offen. Rogers war von der Videobotschaft jedenfalls gerührt. Van der Bellen sei wie sie Steinbock, verriet sie, "ich durfte ihn ja auch schon öfter begleiten und ein bisschen in seine Sterne blicken. Es verbindet uns eine nette Freundschaft."
An diesem 10. April 2026, dem "Freaky Friday", konnte Österreich aufatmen. Das Land liegt in guten Händen.

Auch Ingrid Thurnher hofft auf bessere Zeiten. Die aktuelle Generaldirektorin ließ Gerda Rogers ebenfalls auf Ö3 hochleben, aber es lag ihr etwas anderes mehr am Herzen. "Die Leute sollen uns wieder mögen, bitte," sagte sie. Der ORF solle nicht nur konsumiert werden, sondern im besten Fall "wieder von Herzen" gemocht werden.
Ich weiß nicht, ob das jemals so war, aber im Moment fühlen sich die Gebührenzahler durch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk eher unterhalten als von Liebe umhegt. Der ORF produziert derzeit so viel Inhalt über sich selbst, dass es sich fast auszahlen würde, einen fünften TV-Sender zu eröffnen, der ausschließlich ORF-Zeug abspielt. Eine Art Hauskanal, aber für alle.
Den Hauskanal für alle könnte man "ORF. Wie wirr" nennen, statt einer "Runde der Chefredakteurinnen" gäbe eine "Runde der Rechtsanwälte". In "G'scheit im Bild" würde man arbeitsrechtliche Gutachten vorlesen, ein Live-Ticker sollte über den aktuellen Kündigungsstatus des Generaldirektors informieren.
Die Stiftungsräte könnte man ein paar Wochen lang am Küniglberg einsperren und die Sitzungen wie bei "Big Brother" im Internet streamen. Als Auflockerung könnte man Gäste einladen, frühere Generaldirektoren etwa. Oder Christian W. Mucha.
Auch Reportagen würden sich anbieten. Etwa den Tresor vorstellen, in dem transparente Untersuchungsberichte in aller Transparenz weggesperrt werden, die alten wie die aktuellen. Zu erzählen hätte man über den ORF genug.

Gibt es so etwas wie "Schrödingers Belästigung"? Also, dass wie bei Schrödingers Katze ein Zustand existiert, aber wiederum auch nicht? Offenbar, denn der ORF versuchte sich diese Woche in der arbeitsrechtlichen Quantenmechanik und sprach seinen bisherigen Generaldirektor frei, um ihn gleichzeitig schuldig zu sprechen.
Wer sich nicht mehr daran erinnert: Eine Mitarbeiterin des ORF hatte einem Anwalt mitgeteilt, dass sie von Generalintendant Roland Weißmann sexuell belästigt worden sei. Der Anwalt teilte das zwei Stiftungsräten und einer Publikumsrätin mit. Die drei teilten Weißmann mit, was ihnen mitgeteilt worden war. Am Ende wurde er viergeteilt und trat zurück.
Am 12. März machte sich der ORF an die Aufarbeitung der Affäre. Zusätzlich zur eigenen Compliance-Stelle wurde am 27. März ein "Transparenz-Beirat" eingesetzt. In dieses Gremium wurden sechs Personen außerhalb der Küniglberg-Seilschaft berufen. Der erste Teil des Schrödinger-Experiments begann.
Unter den sechs Mitgliedern des "Transparenz-Beirates" befand sich nämlich der Jurist einer Kanzlei, der in den vergangenen Jahren auch für Roland Weißmann tätig war und etwa ein Gutachten für ihn erarbeitet hatte. Man kann sich also gleichzeitig innerhalb und außerhalb der ORF-Seilschaft befinden.
Der "Transparenz-Beirat" lud den beurlaubten Generaldirektor vor. Ebenso jenes mögliche Opfer, mit dem Weißmann nach Eigenangabe eine "emotionale Affäre" gehabt haben will, vielleicht aber auch nicht. Dann ging alles ratz-fatz.


Knapp zwei Wochen später legte der ORF am Mittwoch dieser Woche das Ergebnis der "Compliance-Untersuchung" vor. Einfach so, per Aussendung!
Gleichzeitig entschied er, das Ergebnis der "Compliance-Untersuchung" eben genau nicht vorzulegen, es soll geheim bleiben. Die versprochene Transparenz wurde von Verschwiegenheit abgelöst.
Die betroffenen Anwälte erfuhren von der Aussendung fünf Minuten, ehe sie über die Austria Presse Agentur verbreitet wurde. Den beiden Vorsitzenden des Stiftungsrates ging es zeitlich nicht viel besser. Den Compliance-Bericht haben alle bis heute nicht gesehen.
Es gab keine Begründung für das Ergebnis der Untersuchung. Keine Erklärung, wie man zu dem Schluss gekommen war. Null Information, warum plötzlich keine sexuelle Belästigung vorliegen sollte. Der ORF ersuchte sogar nachdrücklich, "Spekulationen zu den Abläufen und den beteiligten Personen zu unterlassen."
Erstaunlich eigentlich: Das größte Kommunikationsunternehmen des Landes schafft in einer seiner schlimmsten Krisen der vergangenen Jahrzehnte keine anständige Kommunikation. Es verwundert vor allem, dass man meint, mit einer Geheimkammerl-Studie die Pflicht seinem Publikum gegenüber erfüllt zu haben.

Seither bemühen auch Juristen, die sonst nicht zu Exaltiertheit neigen, expressionistisches Vokabular. "Aberwitzig!" "Verrückt!" "Atemberaubend!" "Irre!" "Unglaublich!" Es ist allerlei zu hören über den Schiedsspruch, aber auch über das Management der Angelegenheit.
Der ORF stellte nämlich gleichzeitig fest, dass "eine sexuelle Belästigung im rechtlichen Sinn im konkreten Fall nicht vorliegt". Keine sexuelle Belästigung im strafrechtlichen Sinn, das war immer klar. Aber nun gab es plötzlich auch keine nach dem Gleichbehandlungsgesetz mehr.
Das überrascht, denn Paragraf 6 in ebendiesem Gleichbehandlungsgesetz legt fest, dass eine sexuelle Belästigung vorliege, "wenn ein der sexuellen Sphäre zugehöriges Verhalten gesetzt wird, das die Würde einer Person beeinträchtigt oder dies bezweckt, für die betroffene Person unerwünscht, unangebracht oder anstößig ist."
Weißmann hatte dieses Verhalten nach Einschätzung des ORF nicht gesetzt, gleichzeitig aber doch. Denn in der gleichen Aussendung sieht der Dienstgeber ein Verhalten, "das geeignet ist, dem Unternehmen zu schaden." Und: "Jeder Anschein eines einer Führungskraft unangemessenen Verhaltens ist daher zu vermeiden."
Der gewesene Generaldirektor hat sich also in derselben Situation angemessen und unangemessen verhalten. Ein Drahtseilakt ohne Seil. Oder wie es ein Jurist ausdrückte: "Ein Vorfall ist entweder eine sexuelle Belästigung oder keine sexuelle Belästigung, da gibt es nichts dazwischen".


Dieses Dazwischen, das es gibt oder auch nicht, kann für den ORF noch recht teuer werden. Denn Weißmann will rechtlich gegen seine Demontage vorgehen, wie einer seiner inzwischen drei Anwälte ankündigte. Für die gerichtliche Anfechtung seiner Kündigung hat er 14 Tage Zeit.
Man muss die Geldströme sauber auseinanderhalten, um zu erkennen, was jetzt passieren kann. Das ist auch nötig, weil es zwei Verantwortungskreise gibt. Für Weißmann, den Generaldirektor, ist der Stiftungsrat zuständig. Für Weißmann, den Angestellten, die Generaldirektorin.
Von seiner Funktion als Generaldirektor war Weißmann am 9. März zurückgetreten und das mit sofortiger Wirkung. Sein Vertrag wäre noch bis zum 31. Dezember 2026 gelaufen.
Weißmann verdiente laut dem aktuellen Transparenzbericht im Vorjahr 427.500,04 Euro. Inzwischen gab es im ORF eine Kollektivvertrags-Erhöhung von 1,85 Prozent, für Spitzenverdiener aber eine Nulllohnrunde. Das Gehalt von Weißmann blieb also gleich.
Durch seinen Rücktritt verzichtete er auf eine Lohnfortzahlung für 9 Monate und 22 Tage, knapp 350.000 Euro. Vielleicht aber auch nicht, wie der Arbeitsrechtsanwalt Georg Schima in der Presse ausführte. Weißmann könnte seinen Rücktritt nämlich wegen "Irrtums" anfechten.

Dazu sei das Wochenende seines Abgangs in Erinnerung gerufen. Es gab mehrere Krisensitzungen im ORF, einige bis tief in die Nacht hinein. Am Ende trat Weißmann zurück, heute sagt er, dass er dazu gedrängt worden sei, und das ist der springende Punkt.
Weißmann wird behaupten, dass sich der Vorsitzende des Stiftungsrates und sein Stellvertreter ihm gegenüber als etwas ausgegeben hätten, was sie nicht sind: bevollmächtigt nämlich, ihn als Generaldirektor abzusetzen. Das kann nur der Stiftungsrat.
Gelingt es, das glaubwürdig darzulegen (einige Juristen sind durchaus skeptisch), dann ist das "ein Fiasko für den ORF", schreibt Schima. Denn der Rundfunk müsste dem gewesenen Generaldirektor den gesamten restlichen Vertrag ablösen, eben jene 350.000 Euro.
Dabei dürfte es nicht bleiben, denn Weißmann könnte einen weiteren Schritt gehen. Anfang Mai soll die ORF-Generaldirektion für die nächste Funktionsperiode 2027 bis 2031 ausgeschrieben werden. Am 11. August findet die Wahl dafür statt.
Weißmann könnte behaupten, der haushohe Favorit für eine Wiederbestellung gewesen zu sein, die Vorwürfe der sexuellen Belästigung hätten ihn aber um diese Chance gebracht. Ein juristischer Stunt, aber möglich. Es würde jedenfalls den Preis für eine gütliche Einigung nach oben treiben.


In den kommenden fünf Jahren würde Weißmann als wiedergewählter ORF-Chef in Summe über 2,1 Millionen Euro verdienen, etwaige Kollektivvertrags-Erhöhungen nicht einkalkuliert. Inklusive Lohnfortzahlung sind wir da schon bei knapp 2,5 Millionen Euro.
Selbst wenn alle diese Stricke reißen, wird Weißmann kein Fall für eine Klingelbeutel-Sammlung. Er war 31 Jahre im ORF beschäftigt, 2012 wurde er Chef-Producer, 2017 kam die Funktion eines Vize-Finanzdirektors dazu. Die Stelle wurde extra für ihn geschaffen.
Weißmann kam nicht von außen ins Unternehmen wie seine Vorgänger, sondern war eine hausinterne Besetzung. Er wurde 2022 beim Amtsantritt als Generaldirektor nicht karenziert, sondern musste aus dem ORF ausscheiden, erhielt aber ein Wiedereintrittsrecht zugesichert. Das könnte nun eine Rolle spielen.
Wer sich die ORF-Aussendungen genauer durchliest, stellt fest, dass dort nicht von einer Kündigung Weißmanns die Rede ist, vielmehr soll sein Vertrag "aufgelöst" werden. Das lässt Spielraum.
Vom Ende seines Angestellten-Vertrags erfuhr Weißmann übrigens nicht aus dem Radio, das ist ein Märchen. Eva Schindlauer, die kaufmännische Direktorin des ORF, setzte ihn persönlich in einem Telefonat davon in Kenntnis. Was nichts daran ändert, dass Weißmann die "Kündigung" wohl anfechten wird.

In diesem Fall geht es um ein Jahresgehalt von rund 266.000 Euro. So viel verdient sein Nachfolger als Chef-Producer aktuell, so viel würde Weißmann bei einer Rückkehr in seinen alten Job kassieren. Diese Summe ist doppelt bedeutsam für ihn.
Weißmann wird womöglich auf Wiedereinstellung klagen. Er hat als dritten Anwalt einen honorigen Arbeitsrechts-Experten engagiert, der Uni-Professor und Partner einer Kanzlei möchte medial aber nicht in Erscheinung treten.
Scheitert Weißmann mit der Klage, dann steht ihm laut Anstellungsvertrag eine Abfertigung von 24 Monatsgehältern zu, also fast zwei Jahresgehälter, brutto rund 456.000 Euro. Da Abfertigungen in der Regel nur mit 6 Prozent versteuert werden, bleiben fast 429.000 Euro netto übrig. Dieses Geld erhält Weißmann in jedem Fall.
Ihm bleibt auch garantiert eine ORF-Zusatzpension in Höhe von ein paar tausend Euro im Monat. Wie hoch die Summe genau ist, weiß aktuell vielleicht nicht einmal Weißmann selbst. ORF-Zusatzpensionen sind bei der Valida Vorsorge Management veranlagt, Beschäftigte können aber freiwillig höhere Einzahlungen tätigen. Das macht eine Prognose schwierig.
Gelingt es Weißmann hingegen, die Kündigung erfolgreich anzufechten, dann muss ihn der ORF bis zum Pensionsantritt beschäftigen oder den Vertrag abfinden. Dafür stehen die Chancen besser. Der in die Wüste geschickte Ex-General kann dem Dienstgeber eine Verletzung der Fürsorgepflicht unterstellen, er kann geltend machen, dass ihm aufgrund der Vorwürfe eine weitere berufliche Karriere verunmöglicht wurde.


Weißmann wurde am 16. März 58 Jahre alt, er hat also noch sieben Jahre Berufstätigkeit vor sich. Bleibt er bis zum Pensionsantritt, dann erhält er fast 1,9 Millionen Euro an Gehältern. Oder einmalig als Golden Handshake. Es geht um viel Geld, auch für den ORF. Eine Gesamtsumme zu nennen, wäre trotzdem albern, dafür sind zu viele Bälle in der Luft.
Aber vielleicht kommt irgendwann jemand, sammelt die Bälle ein und beendet dieses unwürdige Schauspiel auf offener Bühne, in dem es zuhauf Laiendarsteller gibt, die nicht merken, welchen Schaden ihr Tun anrichtet.
Alsbald ist nicht damit zu rechnen, denn am 23. April steht eine Sitzung des Stiftungsrates ins Haus und dafür werden schon die Messer gewetzt. Einige Stiftungsräte bereiten umfangreiche Fragenkataloge vor, sie wollen sich nicht still entmachten lassen. "Thurnher wird nicht mehr so viel Applaus bekommen wie bei ihrer Bestellung", prophezeit ein Beteiligter, ohne Zuhilfenahme von Gerda Rogers.
Auch die Rolle des "Transparenz-Beirates", der nun nicht mehr "Transparenz-Beirat" heißt, soll hinterfragt werden. Was wurde aus der Untersuchung der Millionen-Pension von Pius Strobl? Gilt der Freibrief, den das Compliance-Gremium ausgestellt hatte, jetzt für alle Mitarbeiter? Wie erfolgte die Auswahl der Mitglieder und wurde der Auftrag ausgeschrieben?
Nicht zuletzt, wie viel Geld haben die Ausschuss-Mitglieder erhalten? Die Stiftungsräte gelten diesbezüglich als sensibel. Sie bekommen pro Monat 50 Euro für den Job und 100 Euro pro Sitzung (der Vorsitzende 200 Euro). Reich wird man höchstens an Erfahrung.



Reichlich Erfahrung muss nicht vor Torheiten schützen. Um der Affäre noch etwas zusätzlichen Glamour zu verleihen, drängelte sich diese Woche auch noch der Hauptdarsteller auf die Bühne vor. Roland Weißmann meldete sich mehrfach telefonisch bei Christian W. Mucha und schüttete dem Wiener Extradienst-Verleger sein Herz aus, in dem es zugehen muss wie in einer Mördergrube.
Mucha verarbeitete das gesprochene Wort, das er nicht nur schriftlich festgehalten hatte, in drei Newslettern. Es entstand eine Art Dramolette nach Muster der "Hunger Games".
Weißmann hebt sich darin selbst empor ("es sei schade um ihn") und putzt seine Nachfolgerin herunter. Er spricht sich von jedweder Schuld frei, ist gleichzeitig aber so frei, leitende Angestellte im ORF verächtlich zu machen. Die müsse man sich halt herrichten, sagt er, der Mächtigste im ORF sei sowieso er gewesen.
Die Lehre aus der Geschichte: Oft schaffen drei Anwälte nicht, was einer auch nicht geschafft hätte.
Ich wünsche einen wunderbaren Sonntag. Österreich hat seit 1. Jänner 2024 ein "Krisensicherheitsbüro", es soll das "Krisenmanagement gesamtstaatlich koordinieren". Seit dieser Woche gibt es neben dem "Krisensicherheitsbüro" zur Koordination des Krisenmanagements, ein "Koordinationsgremium" für Krisen.
Das "Koordinationsgremium" hat mit Peter Vorhofer den selben Leiter wie das "Krisensicherheitsbüro", dazu allerdings noch vier Unter-Ausschüsse. Wann immer eine Krise zu uns kommen mag, unterverwaltet wird sie nicht sein. Aber man sollte zur Sicherheit eine Notration Schneckenschleim einlagern.
Bis in einer kleinen Weile!