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Der ORF, seine Keller-Akten und ein neuer Geheimplan

Nächste Staffel der Seifenoper: Warum zwei Worte den ORF 1 Million Euro kosten sollen. Wieso es schon im Juni per "Blitzwahl" einen neuen Generaldirektor geben könnte. Und weshalb der Rechnungshof am Küniglberg in den Keller ging. Jedenfalls nicht, um zu lachen.

Termin im Grünen: Roland Weißmann vor der malerischen Kulisse des Wiener Donaukanals
Termin im Grünen: Roland Weißmann vor der malerischen Kulisse des Wiener DonaukanalsClemens Oistric
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Akt. 19.04.2026 01:52 Uhr

Oft ist es nötig, weit zu reisen, um zum Quell der Erkenntnis zu gelangen. Weiter als zum Schneeberg jedenfalls. Deshalb nahm Kanzler Christian Stocker diese Woche seine Gattin Gerda bei der Hand und verfügte sich nach Indien, ummantelt von einer Wirtschafts-Delegation in ansehnlicher Größe und begleitet von einer handverlesenen Auswahl an Journalisten.

Und wie ging es am Ganges? Gut, wenn man von der Unschärfe absieht, dass Neu-Delhi nicht am Ganges liegt. Der Kanzler nutzte den Besuch vorrangig, um Hände zu schütteln. Den Bildern nach zu urteilen, muss er dem indischen Premierminister alle paar Minuten über den Weg gelaufen sein.

Am Ende empfing ihn Narendra Modi sogar schon mit einem "Grüß Gott." Am Schneeberg wäre es nicht anders gelaufen.

Selbstredend war auch Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer mit von der Partei. Er kümmerte sich darum, dass in Österreich in Zukunft mehr Bollywoodfilme gedreht werden, vielleicht spekuliert er sogar auf eine Rolle. Hattmannsdorfer hat auf jeden Fall mehr Chancen, einmal Maharadscha zu werden, als Parteichef der ÖVP. Er sieht das mutmaßlich zuversichtlicher.

Sie wohnen eigentlich gar nicht so schlecht, Herr Modi, aber die Heckenpflanzen würde ich ein bisserl zurückschneiden
Sie wohnen eigentlich gar nicht so schlecht, Herr Modi, aber die Heckenpflanzen würde ich ein bisserl zurückschneiden
Bundeskanzleramt/Florian Schrötter

Österreich will am Wirtschaftswachstum von Indien mitnaschen, das war – neben dem Händeschütteln – der eigentliche Grund für den ersten Kanzlerbesuch seit 42 Jahren. Das Land hat über den Daumen 1,4 Milliarden Einwohner, allein im Großraum Delhi leben rund 35 Millionen Menschen. Die Stadt wirkt wie Wiener Neustadt nach einer Germködel-Diät und das bei beständiger Backofentemperatur.

In der "Kleinen Zeitung", die Stocker begleitete, las ich allerdings, dass die Österreicher vor Geschäften mit Indien gewarnt wurden. "Von allen Angeboten zur Zusammenarbeit, die du hier bekommst, entsprechen nur zehn Prozent dem, was versprochen wurde," hieß es da.

Den Kanzler wird die Warnung vielleicht verwundert haben. Wenn in Österreich ein Politiker zehn Prozent seiner Versprechen einlöst, gilt er schon als Wahrheits-Fanatiker.

Am Rande der Visite gab der Kanzler dem Standard ein Interview. Die Tiefe der Antworten konnte mit der Schärfe des indischen Essens nicht ganz mithalten. Als schließlich der ORF zum Thema wurde, stellte Stocker aber den aktuellen Zeiten einen überraschenden Befund aus und fragte mehr sich selbst: "Was ist heute schon normal?"

Er dürfte zu diesem Zeitpunkt am Quell der Erkenntnis schon genippt haben.

Christian Tuk Tuk Stocker mit Ehefrau Gerda beim Vespafahren in Indien
Christian Tuk Tuk Stocker mit Ehefrau Gerda beim Vespafahren in Indien
APA / Stefan Vospernik,

Der SPÖ hingegen flossen die Erkenntnisse in den vergangenen Tagen literweise zu. Es kam so viel Wasser, dass man sich sogar daran verschluckte. Die Partei hat sich neuerdings dem Motto "ordnen statt spalten" verschrieben. Diese Ordnung soll offenkundig über den Weg der Spaltung hergestellt werden.

Derselbe Personenkreis, der vor einem Monat den Kern an die Wand gemalt und vor dem Bundesparteitag zur Einigung aufgerufen hatte, rief nun selbst zur Uneinigkeit auf. Für ein paar Tage wurde Niederösterreich zu Bollywood, die meisten Rollen wurden allerdings mit Laienschauspielern besetzt.

Little Bollywood nahm seinen Anfang in Melk. In der Regionalausgabe der NÖN erschien am Samstag, den 11. April, um 19 Uhr ein bemerkenswerter Artikel, der vielen Handys einen arbeitsreichen Abend bescherte.

Die Wochenzeitung vermeldete, dass Staatssekretärin Ulrike Königsberger-Ludwig die Absicht hege, Niederösterreichs SPÖ-Landeschef Sven Hergovich zu stürzen. Es folgte eine viertägige Operation am offenen Parteiherzen, ohne Herz allerdings.

Mittendrin in dieser Kurpfuscherei stellte sich Parteichef und Vizekanzler Andreas Babler hin und bekundete treuherzig, mit den Vorgängen nichts zu tun zu haben. Dabei musste er selbst schmunzeln.

Denn es war bestenfalls die halbe Wahrheit, und der Rest stimmte auch nicht. Die Tage davor hatte Bablers Team rund um Geschäftsführer Klaus Seltenheim damit verbracht, serienweise Funktionäre in Niederösterreich durchzurufen, um sie für den Putsch zu begeistern.

Lieber Herr Bundeskanzler, ich darf Ihnen herzlich gratulieren ...
Lieber Herr Bundeskanzler, ich darf Ihnen herzlich gratulieren ...
Bundeskanzleramt/Florian Schrötter
... die beherrschen wirklich sehr viele Schreib-Modi
... die beherrschen wirklich sehr viele Schreib-Modi
Bundeskanzleramt/Florian Schrötter

In Niederösterreich wunderten sich viele, dass die Bundespartei angesichts der Umstände in der Welt und im Land so viel Zeit erübrigen konnte. Weil man allerdings in der Löwelstraße nicht wusste, wer Freund und Feind ist, versuchte man auch Unterstützer und Vertrauensleute von Hergovich anzukeilen, bis hinein in sein Büro.

Das endete in einem Bauchfleck. Nicht jeder Putsch gelingt, aber nicht jeder scheitert so hanebüchen.

Am Ende stellte sich heraus, dass die Demokratie einen Pferdefuß hat. Um gewählt zu werden, muss man eine Mehrheit finden. Die war für Königsberger-Ludwig nicht nur unerreichbar, sondern lag sogar außer Sichtweite. Also wurde die Peinlichkeit abgeblasen, um aber eine Peinlichkeit zu bleiben.

Warum sich die Staatssekretärin für Gesundheit, Tier- und Konsumentenschutz vor den Karren spannen ließ, bleibt ihr individuelles Geheimnis. Sie wurde zum Werkzeug eines Racheplans und bestätigte althergebrachtes Wissen. Parteifreundschaft definiert sich mitunter als höchste Stufe der Feindseligkeit.

Babler hatte Hergovich 2025 auf den letzten Metern als Infrastrukturminister verhindert, 2026 hätte Hergovich lieber Kern statt Babler als Parteichef gehabt. Nun wollte Babler seinen Widersacher in Niederösterreich unter Zuhilfenahme von Königsberger-Ludwig loswerden. Nicht jedes Konzept mit einer Trümmerfrau an der Spitze geht auf.

Am Ende musste die Staatssekretärin für Gesundheit, Tier- und Konsumentenschutz dankbar sein, dass ihr die Genossen in Niederösterreich einen gesichtswahrenden Abgang zugestanden. Freundschaft! Oft überstrapaziert.

Gehen Sie am Wochenende auch so gerne Fliegenfischen?
Gehen Sie am Wochenende auch so gerne Fliegenfischen?
Bundeskanzleramt/Florian Schrötter

Auch im ORF ist Freundschaft eine Metapher für alles Mögliche, selten aber für tatsächliche Verbundenheit. Das Umfeld des öffentlich-rechtlichen Senders beteiligte sich auch diese Woche recht munter an der weiteren Ausgestaltung der Seifenoper, selbst fünf Wochen nach dem Ausbruch der Affäre zeigen sich keinerlei Ermüdungserscheinungen.

Es gab Briefe, Presse-Aussendungen, Klagen, eingebrachte und angekündigte, eine Millionenforderung, eine Beurlaubung, Serien-Interviews, Hintergrundgespräche und Vordergrundgespräche. Eine Mehrklassengesellschaft aus Journalisten zog von Termin zu Termin. Je nach Gefühlslage des Veranstalters wurde man an alle, einzelne oder gar keinen Tisch gebeten.

An dieser Gemengelage wird sich auch kommende Woche nichts ändern, im Gegenteil. Am 23. April tagt der Stiftungsrat, er bestimmt in der Sitzung, wer den ORF bis Jahresende führen wird. 11 Personen haben sich innerhalb der Ausschreibungsfrist beworben, was nichts heißt, denn es kann auch während der laufenden Sitzung noch Nominierungen geben. Ingrid Thurnher jedenfalls will es wissen.

Es herrschen wenig Zweifel, dass sie den Job bekommen wird, ob aber einstimmig und unter großem Applaus wie zuletzt erscheint höchst fraglich. Thurnher wird auch möglicherweise eine andere Situation vorfinden als gedacht, denn es bahnt sich eine Überraschung an.

Der ORF diskutiert nämlich intensiv darüber, ob die Wahl der Generaldirektorin oder des Generaldirektors nicht vorverlegt werden soll. Geplant war eine Ausschreibung mit 1. Mai. Am 11. August sollten die 35 Stiftungsräte dann – parteipolitisch völlig frei natürlich – darüber befinden, wem sie das größte Medienhaus des Landes ab 1. Jänner 2027 für fünf Jahre anvertrauen möchten.

In der SPÖ kann jede Couch zum Schleudersitz werden
In der SPÖ kann jede Couch zum Schleudersitz werden
Sabine Hertel

Der neue Zeitplan könnte nun anders aussehen. An der Ausschreibung am 1. Mai soll sich nichts ändern, die Bewerbungsfrist endet mit 31. Mai. Dann allerdings soll es nur mehr zwei Wochen bis zur Wahl dauern. Die neue Generaldirektorin oder der neue Generaldirektor soll schon Mitte Juni feststehen, also geschätzt acht Wochen vor dem eigentlichen Termin.

Wenn das so kommt, dann wird die Vorverlegung ein großes Thema im Stiftungsrat am 23. April sein, sie muss dort auch beschlossen werden. Befürworter argumentieren, dass im ORF so früher Klarheit herrschen würde. Der Amtsantritt verschiebt sich dadurch allerdings nicht nach vorn. Alle Verträge der ORF-Spitze laufen bis 31. Dezember.

Für Thurnher dürfte das die Arbeit nicht leichter machen. Schon zwei Monate nach ihrer eigenen Wahl wird ihre Nachfolge bestimmt. Ab da müsste sich mit der künftigen Nr. 1 im Haus wohl oder übel sechseinhalb Monate lang abstimmen.

Das ist keine leichte Übung. Der ORF gleicht derzeit einem aufgeschreckten Hühnerhaufen, der Tanzkarten an ein Rudel Füchse verschickt hat. Der dauernde Krisenmodus sorgt für eine gewisse Flatterhaftigkeit im Management.

Ein Beispiel: Am Montag beurlaubte Thurnher den Werbechef des Hauses wegen nicht näher definierter "Compliance-Vorwürfe", sie dürften in den Genussmittelbereich führen. Oliver Böhm ist für immerhin 200 Millionen Euro Reklame-Einnahmen im Jahr verantwortlich.

Am selben Tag, als Böhm gefeuert wurde, erhielten Werbekunden allerdings den obligaten Newsletter aus dem ORF. Er war gezeichnet mit "herzlichst Oliver Böhm".

Mein Plan war ganz einfach: Ich fang' mir den schrecklichen Sven ...
Mein Plan war ganz einfach: Ich fang' mir den schrecklichen Sven ...
Helmut Graf
... und dann verputz' ich ihn, wie der Kommissar Rex eine Wurstsemmel
... und dann verputz' ich ihn, wie der Kommissar Rex eine Wurstsemmel
Helmut Graf

Es war der Auftakt für eine wilde Medienwoche in Österreich. Sie begann am Montag um 9 Uhr, da lud Vizekanzler Andreas Babler ausgewählte Kreise zum Symposium "Medien und Demokratie". Die Koalitionspartner gehörten nicht zu diesen ausgewählten Kreisen, zumindest die ÖVP empfand das als grobe Unsportlichkeit.

Gegen Ende der Woche legte zunächst Babler am Donnerstag seine lang erwartete Studie zur Medienförderung vor, die ÖVP folgte am Tag danach mit einem eigenen Konzept. Unter diesen Umständen scheint es erstaunlich, dass es nicht drei Regierungsprogramme gibt.

Eilig dürfte es die Koalition mit der Umsetzung aber ohnehin nicht haben. Die gemeinsam getrennten Pläne sollen erst 2028 umgesetzt werden. Ob es dann noch viele Medien gibt, ist unklar. Aber die Betroffenen wissen zumindest jetzt: Sie sterben akademisch fundiert.

Das tatsächliche Schaulaufen fand diese Woche andernorts statt. Das Team um den früheren ORF-General übernahm die große Bühne, die Aufführung wurde mit Betroffenheits-Interviews in den Sonntagausgaben von Kurier und Krone abgerundet. Die Inszenierung von Roland Weißmann als Opfer setzte aber schon am Montag ein, diskret natürlich.

Rund um 15 Uhr lud Weißmann-Anwalt Oliver Scherbaum ausgewählte Journalisten für den Mittwoch zum "vertraulichen Hintergrundgespräche" ein. Für das "vertrauliche Hintergrundgespräch" wurden "Bedingungen" erlassen, etwa: "Wörtliche Zitate dürfen nur nach ausdrücklicher Freigabe veröffentlicht werden."

Nein, das ist nicht der Augenblick, in dem Oliver Böhm von seiner Beurlaubung erfährt
Nein, das ist nicht der Augenblick, in dem Oliver Böhm von seiner Beurlaubung erfährt
Andreas Tischler / Vienna Press

Am Ende der Einladung zum "vertraulichen Hintergrundgespräch" wurde ersucht, die Einladung "vertraulich" zu behandeln. Aber in Österreich ist der Wunsch nach Diskretion traditionell der Vater vieler Indiskretionen und so war es auch diesmal. Der ORF erfuhr davon und es war Feuer am Dach.

Um daraus keinen Flächenbrand entstehen zu lassen, ging der ORF seinerseits in die Offensive. Am Dienstag wurde um etwa 14 Uhr eine handverlesene Gruppe von Journalisten hektisch per Telefon noch für den selben Tag ins ORF-Zentrum eingeladen.

Obwohl man Reichweite erzielen wollte, vergaß man drei reichweitenstarke Medien, ob absichtlich oder unabsichtlich, ist eine Interpretationsfrage. Als sich die Vertreter von zehn Medien um 18 Uhr im sechsten Stock am Küniglberg einfanden, fehlten jedenfalls die Kronen Zeitung, Österreich und Heute.

Das große Wort führte Christopher Schrank, Partner der Rechtsanwalts-Kanzlei Brand-Talos. Er saß in der Compliance-Kommission, die Weißmann weißgewaschen hatte, und erklärte nun ausführlich, warum der Untersuchungsbericht unbedingt geheim bleiben müsse.

Während die Runde noch zusammensaß, erhielten die Stiftungsräte um 18.30 Uhr ein Schreiben von Ingrid Thurnher. Die interimistische Generaldirektorin erklärt darin, dass ihr "Transparenz ein echtes Anliegen" sei, eine "Ausfolgung des Untersuchungsberichts" aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes aber trotzdem "nicht möglich" wäre.

Das einzige Exemplar im ORF verblieb im Tresor der interimistischen Generaldirektorin.

Vielleicht sollte ich doch zur Raiffeisen gehen
Vielleicht sollte ich doch zur Raiffeisen gehen
Clemens Oistric

Am Mittwoch begannen sich die Handlungsstränge zu überlagern. Um 10 Uhr startete Roland Weißmann im Motto am Fluss sein erstes "vertrauliches Hintergrundgespräch", die eigentliche Wunsch-Location, das 25hours Hotel mit Blick auf Wien, war ausgebucht.

Der gewesene Generaldirektor schilderte die Umstände seines Rücktritts aus subjektiver Sicht (was in den entscheidenden Stunden vorgefallen ist, können Sie hier nachlesen). Er sei dazu gedrängt worden, zurückzutreten, sagte er mehrfach, in der Nacht auf Montag um 0.30 Uhr sei die Stimmung gekippt.

Die Aussendung über die Austria Presse Agentur vom 9. März bekam plötzlich eine zentrale Bedeutung. Zwei Worte darin könnten den ORF 1 Million Euro kosten. Denn Weißmann fordert Geld, viel Geld, insgesamt 3,9 Millionen Euro.

350.000 Euro Restgeld für seine erste Periode als ORF-Chef. Weitere 2,3 Millionen, weil er nach eigener Ansicht wieder fünf Jahre ORF-Chef geworden wäre. 250.000 Euro an Pensionskassenbeiträgen und 1 Million "Schadenersatz" für die erlittene Kränkung.

Natürlich ist die Summer lächerlich hoch, Weißmann will verhandeln. Die Frage ist, wer im ORF Lust hat, den Schwarzen Peter zu ziehen.

Das Schmerzensgeld soll fließen, weil der ORF den Rücktritt seines Generaldirektors mit dem Vorwurf der "sexuellen Belästigung" begründet hatte. Er habe sogar angeboten, auf Teile seines Gehalts zu verzichten, wenn die Begrifflichkeit aus der Aussendung gestrichen wird, behauptet Weißmann.

Er sieht sich durchgängig als Opfer, sogar durch den Compliance-Bericht, der ihn eigentlich entlastet. Aber der sei nach der Fertigstellung eine Woche liegengeblieben, beklagt er. Es wurde verabsäumt, die Vorwürfe gegen ihn richtigzustellen.

Sagen Sie, Frau Thurnher, wenn ich das nächste Mal wiederkomm‘ ...
Sagen Sie, Frau Thurnher, wenn ich das nächste Mal wiederkomm‘ ...
Sabine Hertel
... sind Sie dann überhaupt noch da?
... sind Sie dann überhaupt noch da?
Sabine Hertel

Dann folgen skurrile Szenen. Das "vertrauliche Hintergrundgespräch" ist nämlich zweigeteilt. Die erste Gruppe Journalisten verlässt den Extraraum im Motto am Fluss, eine zweite Gruppe setzt sich und Weißmann beginnt seine Ausführungen von vorn.

Die Schilderungen bekommen eine Sperrfrist verpasst, vor Donnerstag, 6 Uhr früh, darf kein Reporter darüber berichten. Schon Mittwoch zu Mittag läuft aber die zweite Sperrfrist ab. Die Journalisten, die am Tag davor im ORF-Zentrum zum Hintergrundgespräch eingeladen waren, dürfen nun ihre Geschichten darüber publizieren.

Mitten hinein in die Berichterstattung spricht der ORF-Redakteursrat vier Stiftungsräten das Misstrauen aus. Das gab es in dieser Form auch noch nie, aber es beendet die Atemlosigkeit nicht. Denn tags darauf darf nun endlich auch über Weißmanns Verteidigungsrede berichtet werden, es passiert flächendeckend.

Zu diesem Zeitpunkt ist Weißmann laut ORF-Untersuchung vom Vorwurf der "sexuellen Belästigung" entlastet, strafrechtlich und nach dem Gleichbehandlungsgesetz. Gekündigt wurde er trotzdem, weil er sich "dem Anschein nach" unternehmensschädlich verhalten habe.

Nicht nur Juristen finden das seltsam, denn es gibt umfangreiches Belastungsmaterial. Einschlägige Fotos, mitgeschnittene Anrufe, Weißmann selbst entschuldigt sich in einem Chat, dass er das mutmaßliche Opfer "bedrängt" habe. Furchtbar müsse das für sie gewesen sein, gesteht er ein.

Ein Spitzenmanager schreibt an eine einfache Angestellte anzügliche Nachrichten, schimpft, dass sie "scheißen gehen kann" und "wen anderen verarschen" könne, weil sie ihn abblitzen lässt, und das soll keine sexuelle Belästigung sein?

Stiftungsratschef Gregor Schütze, Heinz Lederer: Schau, was ich da gefunden hab' ...
Stiftungsratschef Gregor Schütze, Heinz Lederer: Schau, was ich da gefunden hab' ...
Helmut Graf
... das Notebook vom Weißmann
... das Notebook vom Weißmann
Helmut Graf

Der ORF beschäftigt auch Roland Gerlach, einen der bekanntesten österreichischen "Arbeitsrechtler", er berät den Stiftungsrat und ist überzeugt: "Es war sexuelle Belästigung". Das gehe aus den Protokollen, den Telefonaten und den Chats eindeutig hervor, sagt er in der Presse.

Dieser Ansicht ist auch Sieglinde Gahleitner. Sie vertritt das mutmaßliche Opfer von Weißmann. Am Freitag verschickte die Arbeitsrechts-Expertin und Verfassungsrichterin zwei Briefe in dieser Angelegenheit, einen an den Anwalt von Weißmann, den zweiten an Ingrid Thurnher.

Den ORF und seine Anwälte fordert sie auf, bis zum 23. April acht öffentlich getätigte Aussagen zu widerrufen, darunter die Behauptung, dass es nicht zu einer sexuellen Belästigung gekommen sei. Bei Verstreichen der Frist sei sie beauftragt, rechtliche Schritte einzuleiten.

Der Brief an Weißmann-Anwalt Oliver Scherbaum ist noch konkreter. Gahleitner will vom gewesenen Chef des ORF 25.000 Euro Schadenersatz, das Geld werde ihre Mandantin umgehend an eine gemeinnützige Einrichtung spenden. Zudem müsse sich Weißmann verpflichten, alle schon entstandenen und künftigen Schäden und Kosten abzudecken.

Es ist nicht zu erwarten, dass damit schon ein Schlusspunkt gesetzt wurde, und das liegt an einem Umstand, dem bisher zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde.

Seit Jänner wird der ORF nämlich auch vom Rechnungshof geprüft, ein Zufall. Der Einsatz stand seit Sommer 2025 in der Planung, zumal der öffentlich-rechtliche Rundfunk zuletzt 2008, also vor 18 Jahren, unter die Lupe genommen wurde.

Weißmann mit Anwalt Oliver Scherbaum: Ich weiß, das ist bitter, Roli ...
Weißmann mit Anwalt Oliver Scherbaum: Ich weiß, das ist bitter, Roli ...
Clemens Oistric
... aber die 3,9 Millionen werden dich schon wieder aufheitern
... aber die 3,9 Millionen werden dich schon wieder aufheitern
Clemens Oistric

Die Prüfung begann im Jänner unter dem Titel "Personaleinsatz und Ressourcen" und unterlag einem klaren Kriterienkatalog. Der wurde zuletzt gesprengt, denn an die Prüfer werden ständig neue Hinweise herangetragen. Das liegt auch daran, dass ihre Präsenz im ORF auffällt – vor allem in der Kantine.

Die Rechnungshof-Truppe ist regelmäßig am Küniglberg zugange, redet mit Geschäftsführung und Personalabteilung und hat alle Untersuchungs-Berichte angefordert, die geheim in Tresoren verwahrt sind. Die Ermittlungen über ORF-NÖ-Landesdirektor Robert Ziegler etwa, der seinen Posten räumen musste, weil er sich von der ÖVP die Berichterstattung diktieren ließ. Nun kommt der Fall Weißmann dazu.

Der Rechnungshof hat aber auch einige Sonderverträge angefordert, jenen von Millionen-Pensionär Pius Strobl etwa oder von Peter Schöber. Gegen den Chef von ORF III wurde vor zwei Jahren eine Compliance-Untersuchung eingeleitet, das Ergebnis dann wie üblich weggesperrt.

Von fünf Verträgen, die eingesehen werden sollten, wurde zunächst ausgegangen, nun dürften es deutlich mehr sein. Auch im Keller am Küniglberg wurde Nachschau gehalten, dort lagern Personalakte. Dass Räumlichkeiten sogar versiegelt wurden, ist freilich ein Gerücht, das der Überprüfung nicht standhält.

Der Rohbericht über den ORF soll im Oktober fertig sein, der Endbericht dann Anfang des nächsten Jahres. Eine Morgengabe für die neue ORF-Führung, die am 1. Jänner 2027 beginnen wird.

Der Rechnungshof-Bericht über die Machenschaften der Wiener Zeitung ist da schon weiter. Er wird gerade in Schriftform gebracht. Die Finalisierung ist für Mai geplant.

Wenn ich meine Uhr ein bisschen zurückstelle, dann ist bei den Medien gar nicht mehr fünf vor zwölf, oder?
Wenn ich meine Uhr ein bisschen zurückstelle, dann ist bei den Medien gar nicht mehr fünf vor zwölf, oder?
APA-Images / APA / Hans Klaus Techt

Ich wünsche einen wunderbaren Sonntag. Falls Sie heute eine Hühnersuppe kochen, bitte Vorsicht: Suppenhühner müssen diskret behandelt werden. Ich wurde auf diesen Umstand durch ein Posting auf Social Media aufmerksam. Die Folge war, dass ich die seltsamste Anfrage meines Lebens stellte und das heißt was.

Adressat war die Statistik Austria, von der ich wissen wollte: "Welchen speziellen Datenschutz genießen Suppenhühner?" In Österreich wird monatlich die Zahl der Schlachtungen ermittelt. Ich erfuhr dadurch, dass es im März fast 8,6 Millionen Hendln an den Kragen gegangen ist.

In einer Fußnote war allerdings vermerkt, dass "Ergebnisse zu weiteren Geflügelkategorien (Brat-, Back- und Suppenhühner, Junghähne, Enten, Gänse, Truthühner, Strauße und Sonstiges Geflügel) aus Datenschutzgründen nicht veröffentlicht werden."

Die Statistik Austria antwortete mir flott und freundlich, vielleicht auch mit etwas nachsichtiger Milde. "In der Tierischen Produktion stehen Daten unter statistischer Geheimhaltung, wenn sie von drei oder weniger Betrieben stammen. Das ist etwa bei Suppenhennen der Fall." Man sei dazu durch das Bundesstatistikgesetz 2000 und das Datenschutzgesetz verpflichtet.

Man stehe für Rückfrage gerne zur Verfügung, schrieb mir die Statistik Austria. Ich hätte schon gern gewusst, ob jemals ein Suppenhuhn wegen einer Verletzung des Datenschutzes geklagt hat, aber vielleicht suche ich mir besser ein anderes Thema, um mich lächerlich zu machen.

Bis in einer kleinen Weile!

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