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Think Pig! Das peinliche Schattenboxen um die neue ORF-Spitze

Der Machtkampf ist gelaufen: "Trümmerfrau" Ingrid Thurnher wird sich nicht für eine zweite ORF-Amtszeit bewerben. Der Kanzler hat sich auf APA-Manager Clemens Pig als Nachfolger festgelegt. Wieso die SPÖ deshalb still jubelt und es in der ÖVP brodelt.

Schattenmann Clemens Pig wurde politisch als neuer ORF-Chef designiert, seine Wahl wird nachgereicht
Schattenmann Clemens Pig wurde politisch als neuer ORF-Chef designiert, seine Wahl wird nachgereichtAPA-Images / APA / Herbert Neubauer
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Akt. 17.05.2026 02:42 Uhr

"Bitte das Handy ausschalten und während der Vorstellung keinen Topfen essen!" Als Durchsage vor einer Theatervorstellung mag das für manche Ohren seltsam klingen, es bildet die Realität aber recht gut ab. Wie Amerika hat sich auch Österreich zu einem Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten entwickelt. Unser Big Apple ist der Topfen.

Vor ein paar Wochen habe ich hierorts ein Erlebnis aus dem Wartebereich eines Wiener Optikers geschildert. Dort saß mir eine junge Frau gegenüber, die eine kleine Box aus ihrer Tasche holte und sich unter Zuhilfenahme von gebackenen Sticks eine Art Hummuspaste zuführte.

Daraufhin gingen mir ein paar Zuschriften zu, in denen ähnliche Erlebnisse aus dem Alltag geschildert wurden. Eine Leserin erinnerte sich an eine Beobachtung, die sie im Renaissancetheater in der Wiener Neubaugasse gemacht hatte und die zur Erkenntnis führte: Nicht immer treibt der alleinige Heißhunger auf Kunst Menschen in einschlägige Spielstätten.

Der Vorfall ist schon ein paar Jahre her, die Leserin war mit ihrem damals noch recht jungen Sohn im Theater der Jugend. An das Stück kann sich keiner der beiden mehr genau erinnern, was aber zwei Sessel weiter passierte, hat sich nachhaltig ins Gedächtnis eingebrannt.

Du Andi, wenn du auf den Postenschacher beim ORF angesprochen wirst, dann mach's wie ich ...
Du Andi, wenn du auf den Postenschacher beim ORF angesprochen wirst, dann mach's wie ich ...
APA-Images / APA / Florian Wieser
... wasch' einfach deine Hände in Unschuld!
... wasch' einfach deine Hände in Unschuld!
APA-Images / APA / Florian Wieser

Es könnte sich um die "Unendliche Geschichte" von Michael Ende gehandelt haben. Die Aufführung nahm jedenfalls eine Zeit lang in Anspruch, aber sie geriet trotzdem kurzweilig. Das hatte gar nicht so viel mit den Geschehnissen auf der Bühne zu tun.

Mitten während der Vorstellung fingerte nämlich eine Frau, die der Jugendlichkeit schon entwachsen schien, plötzlich eine Packung Topfen aus ihrer Tasche. Und weil sie keine gebackenen Sticks bei der Hand hatte, löffelte sie den Inhalt mit dem bloßen Zeigefinger aus dem Behältnis und schleckte ihn ab. Den Finger, nicht das Behältnis.

Für den Fortgang des Abends erwies es sich als günstig, dass sie nicht abbiss, sonst wäre die "Unendliche Geschichte" mutmaßlich endlich schnell zu Ende gegangen. Einem Rettungsteam näherzubringen, dass man sich während einer Theateraufführung beim Auslöffeln einer Packung Topfen den Finger abgetrennt hat, stelle ich mir außerdem gar nicht so einfach vor.

Seither bin ich dafür, dass dem Publikum vor dem Beginn jeder Vorstellung ein umfassendes Bild der Lage vermittelt wird. Dabei sollte klargestellt werden, was ungern gesehen wird: Zwieback essen, Zigarrenrauchen, Netflix ohne Kopfhörer, ins Saaleck pinkeln, um sich zu erleichtern.

Was einem halt so in den Sinn kommen könnte. Woher sollen die Menschen das sonst wissen?

Es sollte auch der Konsum nicht allein von Topfen untersagt werden, weil das Unklarheiten hinterlässt. Zum Beispiel, ob der Verzehr von Joghurt gestattet ist oder nicht. Es müsste der gesamte Komplex der Milchprodukte angesprochen werden.

Der Einfachheit halber könnte man durchsagen, dass ab sofort alle Produkte verboten sind, für die bald die Mehrwertsteuer gesenkt werden soll. Das hätte auch einen pädagogischen Effekt. Die Menschen würden spielerisch lernen, was ab 1. Juli gemarterbauert wird.

Nein, hier werden keine Schutzhelme beerdigt ...
Nein, hier werden keine Schutzhelme beerdigt ...
BKA/Valentin Brauneis
... Familienministerin Claudia Bauer hatte nur Lust auf den Spatenstich für einen neuen Kindergarten
... Familienministerin Claudia Bauer hatte nur Lust auf den Spatenstich für einen neuen Kindergarten
BKA/Valentin Brauneis

Auch in den sozialen Medien steht manchmal ein ziemlicher Topfen. Das ist jetzt keine raketenwissenschaftlich neue Erkenntnis, offenbarte sich dieser Tage aber ungewöhnlich deutlich und auch das hatte mit Kunst zu tun.

Das Leben kennt grundsätzlich eine klare Zeitenabfolge. Was war, nennt sich Vergangenheit. Was ist, heißt Gegenwart und was sein wird, Zukunft. Im Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten wird das zuweilen durcheinandergebracht. Es wird gegenwärtig behauptet, was zukünftig stattgefunden hat, weil es in der Vergangenheit schon so gewesen sein wird.

Auf der Kunstbiennale in Venedig sorgt derzeit der Pavillon aus Österreich für Aufsehen. Die New York Times berichtete. Zu lesen war, dass sich Menschen sogar im Regen zwei Stunden lang anstellen, um sich die Pritschelei von Florentina Holzinger anzusehen. Die Künstlerin macht unter Aufbietung von viel Nacktheit das Thema Verschwendung von Ressourcen zum Thema.

Zentral sind ein Pool, eine Kläranlage und ein paar Toiletten. Der Urin von Besuchern wird gefiltert in das Becken geleitet, in dem eine nackte Taucherin schnorchelt. "I live in your piss" nennt sich die Konstruktion.

Ich halte das ja für einen Schmäh, die Kläranlage für ein funktionsuntüchtiges Trumm, aber egal. Schon Hans Christian Andersen hielt die Welt vor rund 200 Jahren mit "Des Kaisers neue Kleider" zum Narren. Jetzt gibt es halt eine Nacktversion des Märchens.

Ist das auch geklärt: Den Österreich-Pavillon in Venedig kann man sich von der Früh bis soir anschauen
Ist das auch geklärt: Den Österreich-Pavillon in Venedig kann man sich von der Früh bis soir anschauen
APA-Images / APA / Nicole Marianna Wytyczak

In Österreich bildeten sich rasch die erwartbaren zwei Gruppen: Die Ekelerregten und die Erregten über die Ekelerregten. Dabei wurde aber ein Detail übersehen: Die Ekelerregten gab es gar nicht.

Es gab sie natürlich schon, aber es waren nicht sehr zahlreich und sie stammten auch nicht aus dem von den Erregten über die Ekelerregten erwarteten Eck. Das spielte aber keine Rolle. Wir erinnern uns: die Zeitenfolge.

Es gab also Berichterstattung in Zeitungen und Beiträge in den sozialen Medien, auch von durchaus honorigen Personen, in denen über den Boulevard die Nase gerümpft wurde, weil er die Venedig-Pinkelei skandalisiert hätte. Hat er aber nicht. War aber egal.

In der Kronen Zeitung fanden sich Titelzeilen wie: "Florentina Holzinger überzeugt mit Wasserkraft". Oder "Publikumshit statt Aufreger". Oder "Coole Grenzgängerin bis zur Unerträglichkeit". In "Heute" las man: "Nackt-Show in Venedig: Wienerin löst Mega-Ansturm aus".

Das klingt für mich nicht wie die Skandalisierung einer Kunstform. An die Aufregung, die das Stück "Heldenplatz" vom Thomas Bernhard bei der Uraufführung am Burgtheater auslöste, reichte die unerregte Erregung schon gar nicht heran. Das hielt die Erregung der Erregten über die Ekelerregten aber nicht auf.

Du, Alex, vielleicht täusch' ich mich, aber der Schellhorn Sepp ...
Du, Alex, vielleicht täusch' ich mich, aber der Schellhorn Sepp ...
APA-Images / APA / Hans Klaus Techt
... dürfte vom pinken Glauben abgefallen sein
... dürfte vom pinken Glauben abgefallen sein
APA-Images / APA / Hans Klaus Techt

Es gab auch keinen erkennbaren Unterschied zur übrigen Berichterstattung. Medien, die sich üblicherweise am anderen Ende der qualitativen Seidenstraße verorten, titelten: "Schwimmt die Nackte echt in Pisse?" (Falter), "Die Nestbeschmutzerin von Venedig" (Kleine Zeitung), "Sie lebt in eurer Pisse!" (Standard) oder "Der heißeste Scheiß" (Presse).

Selbst wenn es eine Erregung gegeben hätte, wäre das aber vollkommen in Ordnung gewesen. Es gehört zum Wesenszug von provokativer Kunst, dass sie provoziert. Wenn sie das nicht schafft, schafft sie sich ab. Dann nageln wir uns alle irgendwelche alten Schinken an die Wände und gut ist's.

Was bleibt, ist eine interessante Erfahrung. Es scheint unerheblich geworden zu sein, ob ein Ereignis eintritt oder nicht. Die sozialen Medien, aber auch zunehmend die klassischen Printerzeugnisse, benötigen keinen Erreger mehr. Sie sind diesbezüglich Selbstversorger. Und das ist ziemlich lulu.

Warum der Österreich-Pavillon einen Tag zusperren musste, weil einige Mitwirkende an einer antisemitischen Demo teilnehmen wollten, dieser Vorfall hätte sich tatsächlich etwas Erregung verdient. Die gab es aber nicht. Urea verkauft sich besser. Selbst in der medialen Qualitäts-Seidenstraße.

Als ich in die EU gegangen bin, hat es auch ein Hearing gegeben ...
Als ich in die EU gegangen bin, hat es auch ein Hearing gegeben ...
Andreas Tischler / Vienna Press
... und die Politik hat sicher wie beim ORF gesagt: Damit haben wir rein gar nichts zu tun ...
... und die Politik hat sicher wie beim ORF gesagt: Damit haben wir rein gar nichts zu tun ...
Andreas Tischler / Vienna Press
... und dann haben sie den Clemens Pig vier Wochen vor der Wahl zu meinem Nachfolger bestimmt ..
... und dann haben sie den Clemens Pig vier Wochen vor der Wahl zu meinem Nachfolger bestimmt ..
Andreas Tischler / Vienna Press
... ja, und das nennt sich in Österreich dann Ausschreibung
... ja, und das nennt sich in Österreich dann Ausschreibung
Andreas Tischler / Vienna Press

Auch die österreichische Politik hat ihre eigene Art Qualität. Zwei Wochen nach der Postenschacher-Verurteilung von Gust Wöginger gustiert die ÖVP derzeit in aller Ungeniertheit, wen sie an die Spitze des größten heimischen Medienunternehmens setzen wird.

Sie geht dabei so ungeschickt vor, dass am Ende sämtliche Beteiligten beschädigt übrig bleiben werden. Auch das ist eine Form der Leistungsbilanz.

Vom 3. bis zum 5. Dezember findet im Tiroler Seefeld der "Europäische Mediengipfel 2026" statt. Weil die Zeiten aber so sind, wie sie sind, wird heuer öfter gegipfelt. Deshalb geht bereits in der kommenden Woche eine "Sonderedition Europäischer Mediengipfel 2026" über die Bühne. Die Veranstaltung heißt wirklich so.

Das Datum verspricht einige Brisanz. Die "Sonderedition" wird nämlich am 21. Mai sondereditiert, eine Woche später endet am 28. Mai um 24 Uhr die Ausschreibungsfrist für die "Funktion des Generaldirektors bzw. der Generaldirektorin des ORF". Der Termin ist wichtig und unwichtig zugleich, denn die relevanteste Entscheidung ist schon gefallen.

In Seefeld wird die "Sonderedition" von jenem Mann eröffnet, in dessen Hände die Regierung das nähere Schicksal des ORF legen möchte. Clemens Pig, derzeit geschäftsführender Vorstand der Austria Presse Agentur (APA), hält ein "Impulsreferat".

Wenn du dir jetzt in den Finger schneidest, Andi, kannst du dir die Medienreform nicht einmal mehr aufzeichnen
Wenn du dir jetzt in den Finger schneidest, Andi, kannst du dir die Medienreform nicht einmal mehr aufzeichnen
APA-Images / APA / Florian Wieser

Auf den 25-minütigen Vortrag folgt eine Diskussion, an der sich unter anderem Ingrid Thurnher und Markus Breitenecker beteiligen sollen. In Seefeld trifft also der mutmaßlich zukünftige Generaldirektor auf die gegenwärtige Generaldirektorin, an deren Seite ein mutmaßlich erfolgloser Generaldirektors-Kandidat sitzt.

Es ist ein bisschen wie beim ESC, allerdings mit Sprechgesang.

Die Besetzung der ORF-Chefetage war immer schon großes Kino. Die Politik tat in aller Beiläufigkeit so, als hätte sie mit dem Vorgang nichts zu tun. Tatsächlich bestimmte sie das Führungspersonal nach klaren Farbenregeln. So hanebüchen wie diesmal ging bisher allerdings noch keine Regierung vor.

Kanzler Christian Stocker und sein Umfeld, vorrangig ÖVP-Generalsekretär Nico Marchetti, legten ein Monat vor der eigentlichen Wahl das Ergebnis dieser Wahl fest. Sie designierten intern Clemens Pig zum neuen ORF-Boss.

Die Bestellung steht der Volkspartei per österreichischem Naturgesetz zu, darauf haben sich die Koalitionsparteien verständigt. Und verhandeln ihrerseits über die adäquate Besetzung von Direktorenposten.

Die Situation ist auch insofern kurios, als am Montag, den 8. Juni, um 18 Uhr ein öffentliches Hearing der Kandidaten stattfindet, das erstmals auf ORF 3 und ORF On übertragen werden soll. Die Frage ist, ob sich angesichts der Umstände noch ernsthafte Kandidaten für eine Bewerbung finden oder ob Clemens Pig ein Hearing mit sich selbst abhält.

Kein Muttertag, sondern eine Amtsübergabe: Blumenkind Alexander Wrabetz übernahm den ORF 2007 von Monika Lindner
Kein Muttertag, sondern eine Amtsübergabe: Blumenkind Alexander Wrabetz übernahm den ORF 2007 von Monika Lindner
APA-Images / First Look / Thomas Ramstorfer

Eine Frau, die den ORF zuletzt durch schwere See steuerte, wird nicht dabei sein. Ingrid Thurnher hat sich entschlossen, keine Bewerbung für das Amt einer Generaldirektorin abzugeben. Offiziell schweigt sie dazu, aber ihrem Umfeld hat sie signalisiert, dass ihre Tätigkeit mit 31. Dezember zu Ende geht.

Das ist schon auch ein starkes Stück. Thurnher war am 12. März einstimmig vom Stiftungsrat als Krisenfeuerwehr geholt worden. Als "Trümmerfrau" wurde sie in Medien bezeichnet, weil sie den Schutt wegräumen sollte, der sich nach dem Skandal um Roland Weißmann meterhoch im ORF auftürmte.

Thurnher machte sich ans Werk, nicht alles gelang, aber einiges. Am 23. April wurde sie vom Stiftungsrat im Amt bestätigt. In den vergangenen zwei Monaten hätte sie oft zehn Hände gebraucht, um mit den Fingern alle Löcher zuzuhalten, die in alten Schläuchen aufgeplatzt waren. Was Skandale betraf, war auf den ORF zuletzt immer Verlass.

Dann war sie plötzlich Luft.

Beate Meinl-Reisinger mit Slowakei-Außenminister Planar: Ich bin dir so dankbar, Juraj, ...
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APA-Images / AFP / Joe Klamar
... dass ich mir bei dir keine Landestracht anziehen muss
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APA-Images / AFP / Joe Klamar

Thurnher kam nicht mehr vor. Natürlich hatte sie ihre Auftritte, begleitete den ESC, stellte ihr Programm für die nächsten Monate vor. Aber die Debatte über die Zukunft des Hauses fand ohne sie statt. Die "Trümmerfrau" wurde aus dem Spiel genommen.

Es war ein schleichender Prozess. Niemand teilte der aktuellen Chefin mit, dass sie sich nicht als künftige Chefin bewerben sollte. Aber das Gegenteil passierte auch nicht.

Dann bekam sie einen Schuss vor den Bug. In der Kronen Zeitung wurde ein Bericht lanciert. 449.000 Euro habe der ORF zuletzt unter Thurnher für Beratungsleistungen ausgegeben, stand darin. Der Artikel überbrachte auch eine Botschaft, es war klar, woher sie kam.

"Jemand von außen" soll jetzt ans Ruder, das wurde zum neuen Mantra. Eine stichhaltige Begründung bekam man nicht mitgereicht. "Jemand von außen", das ist Thurnher jedenfalls definitiv nicht.

Sie hätte kämpfen können. Ihre Kandidatur wäre ein Gamechanger gewesen. Pig hätte eine ernsthafte Gegenkandidatin gehabt. Es wäre einiger Aufklärungsaufwand nötig gewesen, um darzustellen, warum man einer Frau, der man zwei Monate zuvor einstimmig das Vertrauen ausgesprochen hatte, nun nicht mehr die Führung des ORF zutraut.

Aber Thurnher wird heuer 64. In einen Wahlkampf zu ziehen, Parteien allerlei Versprechungen zu machen, sich Direktoren aufs Auge drücken zu lassen, Wünsche, Bitten und Beschwerden zu exekutieren – es gibt prickelndere Vorstellungen von einem Job am Ende einer Karriere, auch wenn er exzellent bezahlt ist.

Ich hoff', der Feuerlöscher hinter der Tür plant keinen Lausbubenstreich ...
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Denise Auer
... ah, die Queen ist auch da, wie aufmerksam
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Denise Auer

So aber wird Thurnher Ende des Jahres erhobenen Hauptes aus dem Haus gehen, das 40 Jahre ihr Leben war. Bis dahin hat sie aber noch viel Zeit vor der Brust, und das könnte sich für den ORF zu einem veritablen Problem entwickeln.

Bei der Wahl des neuen Generaldirektors ist heuer einiges anders. Am 7. Mai 2024 trat das "Europäische Medienfreiheitsgesetz" (EMFG) in Kraft. Der Grund für die Errichtung liest sich aus österreichischer Sicht fast ironisch. Öffentlich-rechtliche Mediendiensteanbieter könnten "aufgrund ihrer institutionellen Nähe zum Staat und der öffentlichen Finanzierung, die sie erhalten, dem Risiko einer Einmischung besonders stark ausgesetzt sein." Ach was!

Die EU-Verordnung wurde am 23. April 2026 in die nationale Gesetzgebung übergeführt. Am selben Tag gab sich der ORF-Stiftungsrat eine neue Geschäftsordnung, sie regelt ab Seite 19 erstmals die Bestellung einer Generaldirektion.

Nach dem Ende der Bewerbungsfrist tritt nun eine Findungs-Kommission zusammen, sie besteht aus einem Destillat des 35-köpfigen Stiftungsrates, wenn man so will. In dem Gremium befinden sich die beiden Vorsitzenden Heinz Lederer und Gregor Schütze, aber etwa auch FPÖ-Vertreter Peter Westenthaler.

Sinn und Zweck ist es, das Angebot zu sichten, Spaßbewerbungen auszusortieren und festzulegen, wer in die engere Auswahl kommen soll. Das ist eine Besonderheit im ORF-Gesetz: Kandidaten benötigen eine Nominierung durch einen Stiftungsrat, um überhaupt zum Hearing eingeladen zu werden.

Gratulation zu den schönen Fernsehern, die werden sich bei der Fußball-WM auszahlen
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Denise Auer

Die Findungs-Kommission wird sich mutmaßlich am 6. Juni treffen, am 8. Juni ist das Hearing, am 11. Juni die Wahl. Auch danach ändert sich einiges. Die Bestellung des Direktoriums wird ebenfalls auf den schnellstmöglichen Termin Ende Juli vorverlegt. Es steht also zwei Wochen früher fest, welches Team den ORF ab 1. Jänner 2027 führen soll.

Das hat Sprengkraft. Bis Jahresende gehört der Job nämlich noch Ingrid Thurnher und sie wird ihn ausfüllen, unangenehme Entscheidungen inklusive. Clemens Pig kann sechs Monate lang nicht viel machen, als ihr dabei zuzuschauen.

Natürlich lässt sich eine Vereinbarung treffen, dass zwischen Vorgängerin und Nachfolger bei wichtigen Entscheidungen das Einvernehmen herzustellen ist. Solche Einhegebeschlüsse gab es im Stiftungsrat schon, etwa vor der Amtsübergabe von Monika Lindner an Alexander Wrabetz 2007 und von Alexander Wrabetz an Roland Weißmann 2023.

Gesellschaftsrechtlich zulässig ist das allerdings nicht, ein Geschäftsführer kann, salopp gesagt, nicht in seiner Amtstätigkeit kastriert werden. Ingrid Thurnher bedient in den restlichen sechs Monaten ihrer Karriere weiterhin alle Tasten der "größten Medienorgel des Landes" allein und das kann noch einen mächtigen Klangkörper erzeugen.

Könnten Sie mir ein bisschen Gemüse fürs Sacher einpacken, Herr Minister?
Könnten Sie mir ein bisschen Gemüse fürs Sacher einpacken, Herr Minister?
Andreas Tischler / Vienna Press

Die Personalie Pig sorgt derzeit allerdings vor allem in der ÖVP für Misstöne. Denn nicht alle finden den Sololauf von Kanzler Christian Stocker und ÖVP-Generalsekretär Nico Marchetti klug. In parteiinternen WhatsApp ist von einer katastrophalen Fehlentscheidung die Rede, die allein der SPÖ nutze.

Der Hintergrund wird gleich mitgeliefert. ÖVP-Kandidat Pig soll in bestem Einvernehmen mit Andy Kaltenbrunner stehen. Der Medienberater hat gerade für Andreas Babler das Konzept der neuen Medienförderung erarbeitet. Über das Thema liegen sich ÖVP und SPÖ seit Wochen in den Haaren.

In den internen WhatsApp wird die Tiefe der Zusammenarbeit zwischen Pig und Kaltenbrunner ausgeleuchtet: Gemeinsame Projekte, Veranstaltungen, Studien, Bücher, Einladungen als Redner. Auch etwas Häme schwingt mit: Mit der Bestellung von Pig hätten Stocker und Marchetti gezeigt, dass sie beide recht frisch im Geschäft sind.

Tatsächlich lag der Antrieb anderswo. Der Kanzler und sein Umfeld wehrten sich mit Händen und Füßen gegen eine Bestellung von Philipp König zum ORF-General. Der aktuelle Krone-Hit-Geschäftsführer werkte früher im Kabinett von Sebastian Kurz. Stocker & Co fürchteten, hier werde ein neues Einfallstor für den Ex-Kanzler errichtet und stellten sich in den Weg.

Wenn der Stiftungsrat alle anderen Kandidaten rausschmeißt ...
Wenn der Stiftungsrat alle anderen Kandidaten rausschmeißt ...
APA-Images / APA / Max Slovencik
... und sich nur mehr auf mich als Kandidaten konzentriert ...
... und sich nur mehr auf mich als Kandidaten konzentriert ...
APA-Images / APA / Max Slovencik
... dann fände ich das gleich doppelt super
... dann fände ich das gleich doppelt super
APA-Images / APA / Max Slovencik

Im Maschinenraum der Volkspartei ist man indes auf Verrätersuche. Es ist eine Sache, sich als Partei Wochen vor der Wahl auf einen neuen ORF-General festzulegen. Die andere Sache ist: Warum wurde das bekannt?

Der Vorgang sagt einiges über den internen Zustand der ÖVP aus. Marchetti blieb in den vergangenen Tagen gar nichts anderes übrig, als in die Vorwärtsverteidigung zu gehen. Dass Pig neuer ORF-Chef werden soll, streitet er gar nicht mehr ab. In der Presse am Sonntag ermuntert er den APA-Chef sogar öffentlich, sich zu bewerben.

Was er sich vom neuen Chef am Küniglberg erwartet, sprach der Generalsekretär unumwunden aus. Der Sender brauche "ein Rendezvous mit der Realität" und solle rund 100 Millionen Euro zum Sparpaket der Regierung beitragen.

Ob aus "Think Pig!" ab 2027 "Think Big!" wird, kann kann angesichts der Umstände nicht zweifelsfrei versprochen werden.

Lieber Mattle Toni, ich kann dir in die Hand versprechen, dass ich bis zu Nachspeise bleib'
Lieber Mattle Toni, ich kann dir in die Hand versprechen, dass ich bis zu Nachspeise bleib'
BKA/Christopher Dunker

Ich wünsche einen wunderbaren Sonntag. Auch den ESC hat "jemand von außen" gewonnen. Gratulation an Bulgarien, Israel wurde Zweiter, Österreich Vorletzter.

Bulgarien kann sich im nächsten Jahr an einem Wettbewerb abarbeiten, der früher einmal ein fröhliches Wettsingen war, aus dem aber eine politische Veranstaltung mit gelegentlichen Gesangseinlagen wurde. Leider!

Bis in einer kleinen Weile!

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